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21.
Juli '15

Stiftung „Dilettanztest“ mit neuem Test zur Berufsunfähigkeit in der Ausgabe Finanztest 08/2015


Stellen Sie sich vor, jemand tut etwas was er nicht kann, dann würde man diesen vielleicht als unfähig bezeichnen. Jemand der weiß „er kann etwas nicht“ und es dennoch tut, der ist wahrscheinlich dumm. Selbst die meisten Dummen sind einsichtig, wenn man ihnen dann begründet darlegen kann was sie falsch gemacht haben. Nehmen wir nun aber an, es gibt jemanden der etwas nicht kann, es dann trotzdem tut, auf seine Fehler aufmerksam gemacht wurde und es jetzt doch wieder (falsch) macht. Wie würden Sie diesen nennen? Der Begriff dafür lautet: Finanztest.

Es ist etwas mehr als zwei Jahre her, da hat Finanztest einen Test zu Berufsunfähigkeitsversicherungen veröffentlicht und ist damit in der Öffentlichkeit gehörig auf die Nase gefallen. Da waren nicht nur elementare Fehler im Test, sondern es waren falsche Annahmen, unhaltbare Aussagen, schlimme Empfehlungen, die den Leser beim Befolgen der Ratschläge und Tipps finanziell ruinieren, ohne das FT dafür haften müsste. In dem Test zur Berufsunfähigkeitsversicherung (–> Test Juli 2013) in der Juli Ausgabe 2013 waren (noch) 75 % der getesteten Tarife sehr gut.

Im Jahr 2014 gab es keinen neuen Test zur Berufsunfähigkeit, da hat man sich an der Krankenversicherung versucht, was leider nicht wirklich besser ausging. In dieser Ausgabe (08/2015) will man es nun wieder wissen und testet erneut die BU-Tarife und schreibt gleichzeitig über die private Krankenversicherung, dazu aber mehr in einem anderen Beitrag.Finanztest_BU_8-2015_ - 4

Aufhänger zu Beginn des Artikels sind (laut Finanztest) nicht versicherbar Berufe die angeblich keine Berufsunfähigkeitsversicherung bekommen. Darunter Musik- oder Sportlehrer, aber auch Yogalehrer, Filmausstatter und andere. Vielleicht hätte Finanztest jemanden fragen sollen der sich damit auskennt, unter Umständen wäre dann ein anderes Ergebnis herausgekommen. Natürlich gibt es Berufe die gegen das Risiko der Berufsunfähigkeit nicht versicherbar sind. Finanztest schreibt jedoch einschränkend, dass diese Berufe „jedenfalls nicht bei der sehr großen Versicherungsgesellschaft, deren Annahmerichtlinien Finanztest einsehen konnte“ versicherbar sind. In den Test versucht man sich dann wieder an Musterkunden, jedoch sind plötzlich nur noch „mehr als die Hälfte der 70 Angebote im Test“ mit sehr gut bewertet. Ob die anderen einfach nur schlechter geworden sind? Ob die Kriterien andere sind? Dazu später jedoch noch etwas mehr.

Bei dem Tipp von Finanztest den Beitrag jährlich zu zahlen, hat  man- nur so nebenbei- vergessen zu erwähnen, dass natürlich jetzt auch eine längere Kündigungsfrist gilt, dass aber nur am Rande. Ein Versicherter mit einer monatlichen Zahlweise, welcher merkt dass ein Schutz vielleicht doch nicht so optimal war Finanztest heute behauptet, kann damit auch „schon“ nach einem Jahr wechseln, wäre natürlich auch blöd wenn das mit Monatsfrist ginge. (–> Erklärung zur BU Kündigung) Zudem schreibt FT in den FAQ auf der Website:

„Eine ordentliche Kündigung ist in der Regel zum Ende der Vertrags­lauf­zeit zulässig, danach jähr­lich mit einer Frist von drei Monaten. Beachten Sie bitte, dass der Abschluss des Neuvertrags nicht zur außer­ordentlichen Kündigung berechtigt.“

Also kann der Kunde erst zu seinem 67. Lebensjahr kündigen? Vielleicht hätte man die Versicherungsbedingungen doch erstmal lesen sollen.

Die Modellkunden für Finanztest sind wieder einmal ein Industriemechaniker und die Arzthelferin, natürlich gehört auch der Diplom-Kaufmann dazu. Und schon auf der ersten Seite des Tests gibt es nun „Unser Rat“. Schon hier geht es mit dem Unsinn weiter, den ich vor zwei Jahren schon kritisieren musste. Bei der Rentenhöhe wird dem Kunden geraten zu überlegen „wie viel Geld Sie jeden Monat zur Existenzsicherung brauchen“. Auch diesmal wieder kein Wort darüber, dass eine Altersvorsorge weiter betrieben werden muss, dass keine Beiträge mehr in die gesetzlichen Rentenkassen fließen und daher (je nachdem wann die Berufsunfähigkeit eintritt) monatlich hohe Beiträge aufgewendet werden müssen Rentenansprüche im Alter zu erhalten. Hier wird wieder einmal der Eindruck erzeugt, einfach die monatlichen Fixkosten zu nehmen und daraus abzuleiten wie hoch die BU-Rente sein muss. Schlimmer wird es jedoch im zweiten Absatz.

„Orientieren Sie sich an den Preisen für unsere Modellkunden und wählen Sie einen günstigen Tarif aus.“

Trotz der zahlreichen, begründeten Kritik vor zwei Jahren schert es Finanztest überhaupt nicht und es kommt wieder zu Aussagen, die so nicht funktionieren. Warum wohl verbringt ein qualifizierter Berater bei der Beantragung einer Berufsunfähigkeitsversicherung Stunden über Stunden damit, den passenden Tarif zu finden, die richtige Berufsgruppe (und damit die Beitragshöhe) zu bestimmen? Bei Finanztest glaubt man das könne man mit einem Blick in die Tabelle? Die angeblichen „Testsieger“, die mit einem  „sehr gut“ bewertet und zudem billig sind, sind diesmal Provinzial Rheinland, die Europa und die Condor. Es macht natürlich auch ungeheuer viel Sinn, als Testsieger einen Versicherer zu küren, welche nur regional eingeschränkt in einem kleinen Teil Deutschlands tätig ist, vielleicht sollte Finanztest darüber nachdenken Ihrer Zeitschrift auch nur dort zu verkaufen.

Im dritten Absatz des gelben Kastens (Seite 67 der Zeitschrift) wird es immer schlimmer. Hier folgt dann der Ratschlag, der Kunde möge doch mehrere Angebote parallel einholen. Kunden die älter als 40 sind, in einem Risikoberuf arbeiten oder in den vergangenen Jahren in ärztlicher Behandlung waren, die sollen „so viele Angebote“ einholen „wie möglich“. Hartnäckigkeit zahlt sich oft aus.“ Mit der zwei Euro teuren „BU-Checkliste“ soll der Kunde die Angebote schrittweise selbst durchgehen können.

Finanztest_BU_8-2015_ - 1Finanztest verschweigt auch hier wieder die immense Bedeutung der richtigen Darstellung des Berufes, die Wichtigkeit der Einstufung in die richtige Berufsgruppe und damit auch die Entscheidung darüber, der Tarif bezahlbar ist und bleibt. Es ist nämlich keineswegs so, das eine Berufsbezeichnung tatsächlich allein ausschlaggebend darüber ist, wie die Prämie aussieht. Fragen Sie also mit diesen minimalen Angaben bei einem Versicherer an, so bekommen Sie wahrscheinlich sogar ein Angebot, ob es das passende, für Sie zugeschnittene ist, das steht auf einem anderen Blatt. Hierbei geht es entscheidend darum, für den (potentiellen) Kunden ein entsprechendes Angebot auszuarbeiten und zwar so auszuarbeiten, das aus den vorhandenen Tarifen die der Markt hergibt der passende herausgefunden wird. Wer es glaubt das könne man mit einem einfachen „Angebot anfordern“ Brief an einen Versicherer erreichen, der glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann.

„jung und gesund“?

Dieser Dilettantismus setzt sich dann in dem schönen bunten Bild mit der Überschrift „Der Weg zum Vertrag“ fort. Nachdem sie also jung und gesund sind, kommen Sie zu Schritt zwei auf dem Wanderweg und dort rät Finanztest erneut den preisgünstigsten Schutz aus dem „sehr guten Angeboten“ auszusuchen. Je nach Beruf sollen sie sich an einem der drei  Modellkunden orientieren. Klar, Arzthelferin, Industriemechaniker und Diplom-Kaufmann, in eine dieser drei Schubladen wird ihr Beruf wohl passen, seien sie nur nicht zu anspruchsvoll.

Nicht ein einziges Wort wird darüber verloren, dass Mitarbeiterverantwortung zu einer besseren Berufsgruppen führt, dass Außendiensttätigkeiten die Berufsgruppe verschlechtert, dass Ärzte die operieren ein höheres Risiko darstellen und vieles mehr. Doch nun wird es erst recht schlimm. In dem Punkt drei auf dem Weg zum Vertrag berät in den Finanztest allen Ernstes:

„Haben Sie die Angebote gefunden, schreiben Sie mehrere Versicherer per Brief oder per Mail  parallel an. Notwendige Angaben: Alter, Beruf, Rauchgewohnheit, Laufzeit und Rentenhöhe. Wählen Sie die jährliche Beitragszahlung und als Überschusssystem die Beitragsverrechnung.“

Werfen sie zuhause bei Entscheidungen manchmal eine Münze? Genau mit dieser Wahrscheinlichkeit erhalten Sie bei der von Finanztest empfohlenen Vorgehensweise ihr passendes Angebot.

Kann klappen, muss aber nicht. Nehmen wir an, Versicherer A stuft sie aufgrund dieser Angaben in eine Berufsgruppe ein und schickt Ihnen Ihr Versicherungsangebot bis zum gewünschten Endalter. Kein Wort darüber das vielleicht die Reduzierung oder Erhöhung des Endalters eine entscheidende Rolle spielen kann. So gibt es Konstellationen wo Versicherungsschutz bis 65 statt 67 riesige Unterschiede im Beitrag bedeutet, ebenso ist es in anderen Fällen so, dass sie für zwei Jahre mehr Versicherungsschutz nur eine minimal höhere Prämie aufwenden müssen. Bekommen Sie nun die Angebote der Versicherer, so sortieren Sie vielleicht ein Unternehmen aus, was Ihnen aufgrund der falschen Eckdaten ein völlig unpassendes Angebot geschickt hat und das Unternehmen kann noch nicht einmal etwas dafür.

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