Presse: Handelsblatt rät von Berufsunfähigkeitsversicherung ab und muss dafür nicht gerade stehen

Sven Hennig

Update: Auch in dem zweiten Artikel zum Thema kommt das Handelsblatt nicht über die Note 4 hinaus und verbreitet falsche Aussagen mit fatalen folgen für die jungen Leser. Den Artikel:

Orange by Handelsblatt zur Berufsunfähigkeit – Unsinn die Zweite mit fatalen Folgen für die Leser

finden Sie hier.

Es ist schon erschreckend und eigentlich würde ich eine deutlich drastischere Überschrift wählen, aber ich bin ja gut erzogen und bleibe natürlich sachlich. Grund der Aufregung bei Kollegen, Branchenvertretern und mir ist ein Video des Handelsblattes auf seiner Seite „Orange“, also dem Wirtschaftsmagazin für Jugendliche. Dort postet das Handelsblatt mit Datum 04. Oktober ein Video zum Thema Versicherungen und deren Notwendigkeit. Vielleicht hätte man am Vortag nicht so viel feiern sollen, dann wären wohl auch vernünftige Empfehlungen dabei heraus gekommen.

Neben einigen anderen fragwürdigen Aussagen möchte ich nur auf die eingehen, zu denen ich mich auskenne, das ist in dem Fall ganz sicher die Berufsunfähigkeitsversicherung, eine der wichtigsten Versicherungen überhaupt. Und diese Aussage ist nicht allein meine, da sind sich Verbraucherschützer und echte Experten sehr einig und es ist nahezu unbestritten. Wie in meinem Artikel:

Warum es unverantwortlich ist keine Absicherung der Arbeitskraft zu haben

habe ich bereits ausführlich dazu erklärt was passiert. Ohne Einkommen brechen alle anderen Sachen weg, ohne Einkommen gibts die Altersarmut gratis. Mehr dazu aber gleich noch im Detail. Der Grund der Aufregung ist das Video, welches das Handelsblatt gestern online gestellt hat. (Zum Video einfach auf das Bild klicken)

handelsblatt-video-bu-4-10-2016

Experte für Versicherungen ohne Expertenwissen – Martin Dowideit

In dem Video wird uns ein Experte vorgestellt, im Artikel darauf verwiesen das der Autor des Artikels vor einigen Tagen mit einer Freundin über das Thema Berufsunfähigkeit gesprochen hat und nun mit einem Experten dazu sprechen will. Wie gut das es ein Versicherungsexperte gibt, wie gut das der zufällig auch noch beim Handelsblatt arbeitet. Doch warum ist denn Hr. Dowideit ein Experte in dem Bereich? Ein Blick in den Lebenslauf klärt uns auf.

Studiert hat er, Volkswirtschaft an der Uni zu Köln, 1999 bis 2005. Der Abschluss ist laut eigenen Angaben Diplom Volkswirt. Von Wirtschaft sollte er also etwas verstehen, schreibt sonst auch in dem Handelsblatt zu Themen wie Brexit, Finanzmärkte und dergleichen. Ich kann nicht beurteilen wie gut und richtig seine Artikel sind, will ich aber auch nicht, bin ja da kein Experte. Dann folgen weitere Stationen in der Karriere.

  • – 2002 bis 2004 Redakteur Medienanalyse bei unicepta.de
  • – 09/2004 bis 07/2005 bei ergo in der PR (yeah… eine Qualifikation in einer Versicherung… oh wait. War ja PR)
  • – 2005 bis 2008 US Wirtschaftskorrespondent bei der Welt (OK, lernt man jetzt nicht so viel zu deutschen Versicherungen)
  • – 2009 bis 2011 Wirtschaftskorrespondent in Frankfurt für die Stuttgarter Zeitung (hm, auch da nichts von Versicherungen)
  • – 2012 für 10 Monate Leiter „Spätdienst“ bei Handelsblatt online (ob es da so langweilig war das er sich abends weitergebildet hat zum Versicherungsexperten?)
  • – 11/2012 bis 04/2015 Ressortleiter Unternehmen & Märkte beim Handelsblatt Online
  • – seit 04/2015 dann Deskchef Finanzen bei der Handelsblatt GmbH

Nun, ich habe in dem gesamten Lebenslauf nicht eine Position gefunden, welche den Herrn Dowideit zu einem Experten für Versicherungen macht. OK, als Volkswirt versteht er Märkte, kann sicher auch Unternehmen beurteilen oder Entwicklungen an der Börse einordnen, aber Versicherungen?

Gut, mit einer Ausbildung in der Versicherungsbranche, 20 Jahren Praxiserfahrung und einem Fachwirt für Finanzdienstleistungen weiss ich jetzt auch nix von Versicherungen, oder?

Experten die keine sind und niemals waren schaden der Branche

Warum glaubt eigentlich jeder Depp (Entschuldigen Sie hier die sehr deutlichen Worte) er ist plötzlich zum Experten für irgendwelche Versicherungen aufgestiegen, nur weil er das Wort „B-E-R-U-F-S-U-N-F-Ä-H-I-G-K-E-I-T“ richtig schreiben kann? Nur weil ein anderer Mr. Superschlau einen zum „Deskchef Finanzen“ ernennt, ist man automatisch auch gleich Experte für Versicherungen? Und dann wundern wir uns über die schlechte Beratung in der Branche, schlechte Leistungen weil Anträge falsch ausgefüllt werden oder das große Geheule wenn am Ende der passende Schutz nicht vorhanden ist?

Den Unsinn aus dem Video als Text

Auf die Frage zu den wichtigen Versicherungen kommt zunächst die Haftpflichtversicherung, richtig und wichtig überhaupt. Dann folgt die folgende Aussage:

„Dann wird vielen jungen Leuten gerade empfohlen eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, aber da würd‘ ich schon n‘ zweiten Blick mal drauf werfen. Weil je nachdem was man für einen Beruf hat ist es vielleicht auch gar nicht so gefährlich äh, äh, hm in dem Job den man hat.“

Bei solchen Aussagen sträuben sich bei mir sämtliche Nackenhaar und wenn ich nicht so gutmütig und entspannt wäre würde ich wohl ausflippen. Da gibt jemand den Rat „ach, Dein Job ist nicht so gefährlich, dann kannst’e es auch lassen“.

Dummerweise sind diese Aussagen die, welche später bei den jungen Leuten im Netz kursieren, welche geteilt und verbreitet werden und schnell als Rechtfertigung dienen. „Das Handelsblatt sagt auch, solche Versicherung brauche ich nicht.“

Die Absicherung gegen der eigenen Arbeitskraft ist (nach der privaten Haftpflicht) die wichtigste Versicherung überhaupt. Warum? Weil diese dafür sorgt das ich mir alles andere im Leben leisten kann, das ich Vorsorgen kann für mein Alter und nicht von Altersarmut betroffen bin. Wer im Fall der Berufsunfähigkeit keine Absicherung hat, der hat eben auch kein Geld. Kein Geld für Einzahlungen in die gesetzliche oder private Rente, kein Geld für Haus, Wohnung, Auto, Reisen, Job, Kinder und was sonst noch so Geld kostet.

Falsch & verantwortungslos-  gefährliche Tipps des Handelsblattes

Wer einer jungen Zielgruppe (die will das Handelsblatt mit „Orange“ ja wohl ansprechen“) in einem Video dazu rät das sein „Job gar nicht so gefährlich zu sein scheint“ und damit ein zweiter Blick lohnt, ob sich eine BU Absicherung überhaupt rechnet, der gehört bestraft. Würde ein Makler oder Vertreter der Versicherung so einen Tipp geben, so muss er dafür haften. Passiert dennoch etwas und kommt der Kunde aufgrund dieses falschen Rates zu schaden, so steht diesem ein Schadenersatz aus der Beraterhaftung zu. Ein Makler als Sachwalter des Kunden macht sich unter Umständen sogar Strafbar wenn er- wider besseren Wissens- einen solchen Rat gibt.

Zeitungen, Zeitschriften und dazu noch selbsternannte Experten können aber leider jeden Unsinn von sich geben, ohne auch nur einen Funken Verantwortung dafür übernehmen zu müssen und das macht mich traurig. Traurig weil hier eine falsche Vorstellung geschürt wird, traurig weil jungen Menschen hier eine Chance auf eine richtige und passende Absicherung genommen wird. Merken diese erst später das die wichtige Absicherung fehlt, so ist es vielleicht zu spät.

Artikel zur BU – Erklärungen warum „früh“ besser ist

Ich habe schon viele Artikel geschrieben, viele zum Thema Berufsunfähigkeit und einige Leistungsfälle erlebt. Berufsunfähigkeit bedeutet eben nicht den Kopf unter dem Arm zu tragen, sondern eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Diese kann dann eben nicht nur dem Dachdecker passieren. Einige Artikel hier zur Auswahl.

Was ist denn schon „gefährlich“

Und um noch einmal auf die Frage der „gefährlichen Berufe“ zurück zu kommen. Früher war es vielleicht so, der Dachdecker lebt gefährlich, kann schnell vom Dach fallen und seinen Beruf nicht mehr ausüben. Heute leben die „Büroangestellten“ nicht weniger Gefährlich, aber eben mit einer anderen Gefahr. Fast ein Viertel der Leistungsfälle in der Berufsunfähigkeit sind auf psychische Ursachen, Stress, Überlastung und ähnliche Ursachen zurück zu führen.

Auch Rücken, Wirbelsäule aufgrund falscher Haltungen, Schäden und Unfällen führen zur BU. Krebs ist eine weiterhin ansteigende Ursache. Bekommt Krebs nur der, der einen „gefährlichen“ Beruf hat? Sicher nicht.

Und nein, natürlich lässt sich nicht jedes Risiko reduzieren oder gar vermeiden, das nennt sich LEBEN. Aber für Dinge die mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten eintreten kann jeder vorsorgen, jeder der sich früh mit dem Thema beschäftigt kann das. Ein BU Schutz ist als Auszubildender oder Schüler zudem günstiger zu bekommen. Später ist die Einstufung von dem Beruf abhängig, führt dann vielleicht zu einer schlechteren Berufsgruppe und höheren Prämie. Auch durch das höhere Eintrittsalter und vielleicht neu aufgetretene Erkrankungen wird der Abschluss nicht einfacher.

Schutz ist wichtig, falscher Rat fatal

Wenn Zeitungen schreiben, wird leider oftmals von vermeintlichen Experten ein „Nichtwissen“ verbreitet welches zu falschen Einschätzungen führt. Natürlich gibt es in jeder Branche auch schwarze Schafe, ich kenne davon auch aufgrund Kundenunterlagen und falschen Beratungen einige. Aber: Gute und umfassende Information ist elementar. Nur wer weiss was es gibt, welche Folgen drohen und wie sich diese vermeiden lassen, nur der kann sich richtig und vernünftig entscheiden. Mit dem Handelsblatt geht das anscheinend nicht. Schade!

Übrigens: Im Januar war die gleiche Zeitung noch anderer Meinung, wie in dem Artikel hier nachzulesen ist. Aber hey, was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Weitere Informationen zum Informieren

Wenn nun noch Fragen offen sind, stellen Sie diese gern dem Handelsblatt… oder besser doch einem der davon etwas versteht. Kann ja nicht schaden eine fundierte und begründete Meinung als Grundlage für eine Lebensentscheidung zu nehmen und sich ausführlich zu informieren.

Fragen beantworte ich Ihnen sonst auch per E-Mail oder im Livechat (links unten am Bildschirm)

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8 Antworten zu “Presse: Handelsblatt rät von Berufsunfähigkeitsversicherung ab und muss dafür nicht gerade stehen”

  1. Nils Chr. Müller Says:

    Es ist unglaublich, welche Behauptungen hier aufgestellt werden, junge Leute in minder gefährlichen Berufen brauchen keine BU…kann man nur hoffen, dass das sehr wenige Leute lesen/hören

  2. Harald Johanssen Says:

    Liebe Verantwortliche des Handelsblatt. Gibt es Euch? Gibt es jemanden der bei Euch Verantwortlich ist? Wer übernimmt die Verantwortung wenn ein junger Mensch aufgrund Eurer Aussagen keine Berufsunfähigkeitsversichersicherung abschließt und mit 30 z.b Multiple Sklerose bekommt? Verantwortung! Think!

  3. Christian Müller Says:

    Als RWM Group sind wir als Versicherungsberater spezialisiert auf die Begleitung von BU Leistungsfällen und haben daher first Hand Informationen wie sich das konkrete Leben gestaltet im Versicherungsfall mit und ohne BU Versicherung. Um so schockierter waren wir den Artikel gelesen zu haben. Das bedeutet in voller Konsequenz dass das Handelsblatt jungen Leuten eine Existenz in SGB II bei voller Haftung der Eltern empfiehlt. Das geht fast über Vorsatz hinaus und verdient das Attribut böswillig. Gerne laden wir das Handelsblatt mal ein mit einer Person zu reden, die BU ist. Ich denke dann dürften solche Statements von selbsternannten Versicherungsexpen sich ganz schnell im Gegenteil auflösen.

  4. xyz Says:

    also dank des 1:42 youtube videos fühle ich mich sehr sicher in meiner entscheidungsfindung….

    Kurz knapp verständlich.

    Die heutige jugend ist ja auch nur noch 1:42 aufnahmefähig. Die hat nur handy und versicherung rausgehört, BU nein und hapftpflicht evtl. Man hat ja neben dem schauen noch 4 wahtsapp geschrieben^^

  5. Harald Says:

    Hätte ich beim Handelsblatt etwas zu sagen, wäre dieser Herr Dowideit zwar jetzt nicht berufsunfähig, aber erstmal bis auf weiters berufslos. Ohne Worte!

  6. Wolfgang Otto Says:

    Herzlichen Glückwunsch, Herr Hennig, zu diesem Kommentar. Und das Gift des Handelsblattes wirkt. Hatte gerade am Dienstagabend einen Kunden (26 Jahre), der vor zwei Jahren eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen hat und mich fragt, ob diese denn jetzt (!) noch nötig sei, da er ja im Büro am Computer arbeitet. Habe das dann mit den Argumenten zu den psychischen Belastungen (Burnout) wieder gerade gerückt.
    Traurig , traurig diese sogenannten Experten beim Handelsblatt. Aber es passt zu der Stimmung, die dieses Blatt seit einigen Jahren gegen die Versicherungswirtschaft verbreitet.

  7. Martin Dowideit Says:

    Guten Tag,
    ich habe vernommen, dass meine Aussagen Wellen geschlagen haben. Hier findet sich meine Reaktion:
    http://www.handelsblatt.com/14664400.html
    Herzliche Grüße,
    Martin Dowideit

  8. Sven Hennig Says:

    Danke, hier die Antwort

    Teil III ist nun online und immer noch sucht das Handelsblatt Gründe die erste, falsche Aussage zu rechtfertigen. Dumm nur… die gefundenen 9 Gründe sind keine
    http://www.online-pkv.de/pkv-bu-blog/handelsblatt-zur-berufsunfaehigkeit-teil-3-mit-neuen-gruenden-gegen-die-absicherung-die-meist-keine-sind/

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