Professionelle Zahnreinigung- verdienen sich Zahnärzte reich an Privatpatienten?

Sven Hennig

Es ist jetzt der x-te Fall der genau so abgelaufen ist und scheinbar scheint das Ganze bei einigen Zahnärzten Methode zu haben. Doch bevor hier alle über einen Kamm geschoren werden, das wäre ungerecht. Sicher sind auch das Ausnahmen und es sich zum Glück nicht die Regel. Worum es geht?

Professionelle Zahnreinigung ist bei vielen Menschen zur Regel geworden. Ein- oder zweimal im Jahr suchen diese ihren Zahnarzt auf und lassen die Zahnbeläge entfernen und beugen so weiteren Zahnerkrankungen vor. Gestern ist mir hierzu nun von einem meiner Kunden wieder ein Fall geschildert worden, der lässt sich mir alle Nackenhaare sträuben. So entstehen auch Kostensteigerungen in der PKV, für die der Versicherte und auch der Versicherer nichts kann. Es geht speziell um die Art und Weise der Abrechnung. Der Kunde war bis 2011 gesetzlich versichert und hatte die Zahnreinigung als damals noch GKV Patient eh schon selber zahlen müssen. Im Rahmen der so genannten IGeL (Individuelle Gesundheistleistungen) waren diese auch damals Privatvergnügen. So wurden diese auch abgrechnet und der Kunde bekam unter anderem diese Rechnung dazu:

Im Jahr 2011 waren es (wegen etwas geringerem Aufwand) nur 40 EUR. Im Jahr 2012 war auch die Frau (diese ist GKV Versichert) noch bei dem gleichen Zahnarzt und ihr wurden die Leistungen für eine Zahnreinigung ebenfalls pauschal berechnet. Die Rechnung (auch in 2012) betrug hier etwas über 70 EUR.

Das ist soweit auch völlig in Ordnung und sicher durchaus im Rahmen dessen, was auch Kollegen dieses Arztes berechnen. Auch etwas höhere Beträge sind noch im Rahmen und werden von den Versicherern unkompliziert anerkannt und erstattet. Doch als der (nun erstmals privat versicherte) Kunde dieses Mal seinen Brief mit der Rechnung für 2012 öffnete, staunte der nicht schlecht. Die vergleichbare Leistung zu den letzten Jahren und auch zur Behandlung seiner Frau wurden nun von dem Zahnarzt wie folgt berechnet:

Nur weil der Kunde nun privat versichert war, meint der Zahnarzt er könne die gleiche Leistung mal mit einem Aufschlag von mehr als 120% versehen und gleich mal noch eine zusätzliche Position dazu abrechnen. Bei der „Beratung“ handelt es sich laut Auskunft des Kunden nämlich keinesfalls um eine solche, sondern nur um einen kurzen Tipp zu einem frei verkäuflichen Präparat aus der Drogerie, Dauer: 1 Minute. Dieses wurde auch noch von der Angestellten und keinesfalls von dem Arzt ausgeführt und daher wäre der Betrag gebührenrechtlich eh bedenklich. Aber mein Kunde wollte sich das so nicht gefallen lassen und schrieb dem Zahnarzt eine Mail dazu. Unter anderem hieß es darin:

Ich selbst habe bei Ihnen mehrere Jahre Zahnreinigungen im Preisbereich von 40 bis 70 Euro (je nach Aufwand und Qualität des Fluorprotectors) durchgeführt und als IGEL-Leistungen privat bezahlt. Da ist ein Abrechnungsbetrag von 170,51 Euro im Vergleich absolut unverhältnismäßig. Sie begründen den hohen Betrag mit einer zeit- und arbeitsaufwändigen Behandlung. Tatsächlich hatte auch ich den Eindruck, dass Frau XX insbesondere im Bereich der Zahnsteinentfernung einiges zu tun hatte. Andererseits lag die Behandlungsdauer bei einem zeitlichen Anfang von ca. 09:15 Uhr und einem Ende gegen 10:05 Uhr mit 50 Minuten nicht signifikant über der sonstigen Dauer normaler Behandlungen zu beispielsweise 60 Euro zzgl. 10 Euro für den Fluorprotector in der Vergangenheit. Zudem wüsste ich nicht, welche Beratung ich für 10,72 Euro erhalten haben sollte. Wie schon einmal in einer früheren Behandlung zeigte sie mir eine aktuelle Weiterentwicklung zur Säuberung von Zahnzwischenräumen, die ich in Drogeriemärkten für eine effektive Zahnreinigung kaufen kann; Dauer dieser Information: ca. 1 Minute. Natürlich freut mich ein solcher Hinweis und ich nehme ihn dankend an. Wenn Sie allerdings eine solche Kurzinformation mit knapp 11 Euro bepreisen, dann wäre aus meiner Sicht künftig vor einer Behandlung eine kurze Information zu Preisbestandteilen angebracht. Dann können beide Seiten entscheiden, welche Leistung in welcher Intensität sie bereit sind zu erbringen bzw. abzunehmen.

Interessant ist aber die darauf folgende Antwort der Praxis. Diese versucht sich natürlich zu rechtfertigen und begründet die hohe Rechnung auch in der Mail an den Kunden wie folgt:

Wir berechnen für eine Stunde professionelle Zahnreinigung 150,-€. (Für Kassenpatienten haben wir einen ermäßigten Satz von 70,- €, da sich sonst kaum jemand eine solche Behandlung leisten könnte.) Daß Privatabrechnung und Kassenleistung in der Höhe nicht gleich sind, ist Ihnen doch sicher bekannt. Da wir davon ausgehen, daß auch Sie Ihre Rechnung von Ihrer privaten Krankenkasse erstattet bekommen, zumindest teilweise, dürfte Ihr Eigenanteil auch nicht höher sein. Die Begründung „Gingivitis“ haben wir in den Abrechnungstext „gebaut“ damit Sie keine Erstattungsprobleme bekommen, kann aber auch entfernt werden, die Rechnung ist dann immer noch korrekt.

Es ist schon mehr als sonderbar, um nicht zu sagen frech, welche Leistungen hier wie abgerechnet werden. Kommen Sie also in die Praxis und sagen „ich bin GKV versichert, habe aber meine Karte vergessen und zahle meine Zahnreinigung ja sowieso selbst“, dann werden Ihnen 70 EUR berechnet. Mehr können Sie sich ja nicht leisten. Auch wenn Sie mit einem Höchtsbeitrag als freiwillig Versicherter vielleicht mehr Beitrag zahlen müssen als ein PKV Patient, bei diesem Zahnarzt heisst GKV halt erst einmal „kein Geld“. Da spielt es auch gar keine Rolle mehr, ob die Leistungen bei beiden gleich sind, da wird einfach aufgrund des Status anders berechnet.

Doch es kommt noch schlimmer. Weil der Zahnarzt sich ja Sorgen um sein Geld um die Erstattung der Rechnung durch die PKV macht, wird mal eine Diagnose in die Rechnung „gebaut“ und das nur, damit der Erstattung der PKV nichts im Wege steht, so schreibt die Praxis selber. Das eine solche Diagnose auch zukünftig bei einem neuen Antrag oder eine Erhöhung des Versicherungsschutzes anzugeben wäre, darüber macht sich hier wohl keiner Gedanken. Auch die Tatsache das es Betrug ist, Diagnosen nur „so zur Abrechnung“ in eine Rechnung zu übernehmen, stört hier in dieser Praxis wohl keinen.

Doch auf die Hinweise des Kunden folgte eine neue Rechnung:

Auch wenn diese immer noch 50 EUR oder 70% über der alten Rechnung und der der Ehefrau liegt, immerhin sind es 45 EUR weniger als in der ersten Rechnung und schon mal ein Anfang. Die Gebührenziffer die der Arzt nun hier ansetzt, ist die 1040, welche auch so korrekt ist. Diese sieht in der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) eine Erstattung von (einfachem Satz) 1,57 EUR vor und demnach wäre folgende Behandlung abrechenbar. Würde der Arzt Höchstsatz abrechnen, so entstünden folgende Kosten:

29 Zähne * 3,5facher Satz * 1,57 EUR = 159,36 EUR

Dieses wäre der maximal mögliche Betrag für die Abrechnung, unter der der Arzt nun geblieben ist. Es geht auch nicht darum die Höhe der Abrechnung zu kritisieren, was dem Kunden hier aber mehr als sauer aufstößt ist die Tatsache, das allein aufgrund des Status hier immens höhere Kosten berechnet werden. Allein die Aussage, dass der Patient ja eh von seiner PKV die Kosten erstattet bekommt ist schon frech. Da ist es dem Zahnarzt egal, denn schießlich zahlt es ja der Versicherer- oder? Wer aber zahlt denn am Ende die gestiegenen Ausgaben und kommt für die, daraus resultierenden Beitragsanpassungen auf? Der Versicherte und einzig und allein der.

Was können Sie tun?

Wenn Sie auch seit längerem zu einem festen Zahnarzt gehen und bisher als GKV Patient die Leistungen für die Zahnreinigung selbst bezahlt haben, dann sollten Sie einmal fragen wie die Kosten sich verändern. Das ganze am besten VOR der neuen Behandlung und nicht erst bei Erhalt der Rechnung. So können Sie die Kosten vorab selbst abschätzen und entscheiden, ob Sie dem Zahnarzt weiter ihr Vertrauen schenken, oder vielleicht doch einen anderen Zahnarzt aufsuchen. Denn hier geht es noch um vergleichsweise kleine Kosten, es geht nur um eine Zahnreinigung. Was tut dieser Zahnarzt wohl, wenn er beim Zahnersatz oder Implantaten weiss, das der Patient nicht Selbstzahler als GKV Versicherer, sondern privat versichert ist?

Mein Kunde hat seine Konsequenz gezogen, wie sich aus der letzten Mail an den Zahnarzt ersehen lässt:

Trotzdem werde ich im nächsten Jahr schlicht einmal ein alternatives Angebot für eine Zahnreinigung von einem weiteren Zahnarzt einholen. Der WDR hat kürzlich einen Test zu professionellen Zahnreinigungen in größeren Städten in NRW durchgeführt und ist zu verblüffenden Preisunterschieden gekommen. So schwankten die Preise beispielsweise in Bielefeld zwischen 40 und 180 Euro. Dabei gab es in manchen Praxen Preisunterschiede zwischen GKV und PKV-Patienten und in manchen nicht. Diese unterschiedliche Handhabung ist schon erstaunlich. Nun ist mir klar, dass die Beträge und Behandlungszeiten vom individuellen Zustand von Zähnen und Zahnfleisch abhängen. Aber das lässt sich ja mit einem kurzen Angebot, ggf. kurzer Sichtung des Zustandes, vorab ermitteln. Sollte es da deutliche Preisunterschiede bei gleichem Leistungsumfang geben, dann müssten wir nochmal sprechen.

Und mir schrieb er dazu:

Da kann man sich über 170 Euro schon ärgern und ich tue das bei 125 Euro immer noch.

Nutzen Sie auch für sich die vorhandene Transparenz, so lassen sich auch hier die Kosten langfristig eindämmen, wenn Patienten auch einmal die Arzt-/ Zahnarztrechnung kritisch hinterfragen und kontrollieren Sie immer die Diagnosen auf der Rechnung und reklamieren diese gleich. Nicht nur, dass es später schwerer wird, jetzt kann der Arzt sich ggf. noch an die Behandlung erinnern und korrigiert diese Rechnung UND vorallem auch den Eintrag in der Krankenakte. Ein Aukunftsrecht zu Informationen aus Ihrer Akte steht Ihnen in jedem Fall zu- nutzen Sie dieses auch.

Muster:  Schreiben an den Arzt zur Auskunft aus der Krankenakte (ausfüllbar)

Portal zur Zahnarztsuche und Empfehlung

Test vom WDR zur Zahnreinigung – Link zum Beitrag

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57 Antworten zu “Professionelle Zahnreinigung- verdienen sich Zahnärzte reich an Privatpatienten?”

  1. david Says:

    Toller Beitrag! Sehr anschaulich dargestellt! Dentalhygiene ist sehr wichtig für den Menschen und sollte für jeden zugänglich sein. Liebe Grüsse

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