Psychotherapie und die Private Krankenversicherung – abgebrochene Therapie besser als zu Ende geführte?

Sven Hennig

 

Die Psychotherapie ist für viele Private Krankenversicherungen (PKV) nach wie vor ein „rotes Tuch“. Kunden mit einer solchen Behandlung in der Krankengeschichte werden nicht selten ohne weitere Prüfung abgelehnt. Auch wenn einige Gesellschaften mittlerweile die Antragsfragen geändert haben und somit ihre Abfragezeiträume von teilweise 10 auf 5 oder gar 3 Jahre reduziert haben, immer noch ist eine durchgeführte Therapie in diesem Zeitraum ein k.o. Kriterium.

Warum führt Psychotherapie so häufig zur Ablehnung?

Der Grund der Ablehnung bei den meisten Unternehmen ist gar nicht die Therapie selbst und deren Kosten, sondern das „Drum-Herum“. Gerade bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen liegen hier zum Teil deutlich höhere Kostenrisiken in der Diagnostik, als in der Behandlung selbst. Um das zu verdeutlichen, hier ein Beispiel aus dem eigenen Kundenkreis:

Ein Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei leidet seit einigen Monaten unter Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und Unwohlsein. Nachdem er es mit den üblichen Hausmitteln allein versucht zu beheben, geht er nach 3 Wochen zu seinem Hausarzt und bittet um eine Untersuchung und Abklärung. Dieser beginnt mit der üblichen Untersuchung, nimmt Blut ab und beginnt mit einer weiterführenden Diagnostik. Nach weiteren 3 Wochen ergibt sich immer noch kein organischer Befund, aber auch keine Änderung der Beschwerden. Es werden wegen der Bauschmerzen ein MRT (Magnetresonaztomographie) des Bauches angeordnet, verbunden mit der Gabe seinen Kontrastmittels und im weiteren Verlauf noch ein CT (Computertomogramm). Auch diese bringen nur unauffällige Befunde und keine Änderung der Beschwerden. Nach weiteren Untersuchungen und Blutabnahmen vermutet der Arzt eine Überlastung durch den Aufbau der eigenen Kanzlei der letzten Jahre und der starken Arbeitsbelastung und schlägt eine begleitende Psychotherapie vor. Diese soll zunächst auf 20 Sitzungen begrenzt sein.

Die Kosten: 

Für die Untersuchungen beim Hausarzt sind insgesamt über 6 Wochen knappe 450 EUR entstanden, dazu etwa 350 EUR für Labore und die Erstellung von Blutwerten. Das MRT und CT schlugen insgesamt mit knappen 900 EUR zu buche. Die Psychotherapiekosten betrugen pro Sitzung knappe 100 EUR (max. also 2.000 EUR für die geplanten Sitzungen).

Nach den ersten 5 Sitzungen beendete der Kunde seine Therapie, da er nun „wisse mit sich umzugehen und erkenne, wo seine Grenzen sind“. Er teile sich seine Zeit besser ein, kann abends besser abschalten und brauchte einfach nur mal „ein paar Tipps“, wie er selber sagt.

Die Gesamtkosten lagen also hier bei 2.200 EUR. Für einen privaten Krankenversicherer doch gar keine so großen Summen, sollte man meinen.

Doch warum lehnen dann die meisten Unternehmen solche Kunden dennoch schnell ab?

Der Grund ist das „individuelle Risiko“. Kunden die schon einmal eine solche Therapie gemacht haben oder psychosomatische Beschwerden haben, neigen aus versicherungsmedizinischer Sicht oft dazu, dieses auch wieder einmal in Anspruch zu nehmen. In meinem geschilderten Fall war es nach 2 Jahren so. Der damals nicht versicherte Kunden war durch den Weggang einer Mitarbeiterin der Kanzlei nun plötzlich in alte Muster zurückgefallen. Nur waren es diesmal nicht die Magenschmerzen, sondern er bekam undefinierbare rote Flecken auf der Haut. Auch hier erfolgte weitere Abklärung und umfangreiche Diagnostik und eine anschließende, diesmal aber 25 Sitzungen lange, Therapie zur Bewältigung von Stress. Im Nachhinein betrachtet hat der Versicherer mit der damaligen Ablehnung genau das richtige getan, er hat in seinem Kundenbestand Leistungen vermieden, indem er „erhöhte Risiken“ nicht aufgenommen hat.

Gibt es Unterschiede bei unterschiedlichen Ursachen der Therapie?

Ja, ganz deutliche sogar. Nimmt ein Antragsteller die Hilfe von Psychologen oder Psychotherapeuten in Anspruch, weil sich ein extremes Ereignis in seinem Leben zugetragen hat, so ist die Bewertung aus Sicht der Versicherung meist deutlich positiver. Wer also nach einer Scheidung, nach dem Tod naher Angehöriger oder gar als Opfer einer Gewaltstraftat den Weg zum Psychologen gesucht hat, der hat genau das richtige getan. Nicht das Verkriechen und das „ach ich komm schon damit zurecht“, sondern der Weg sich professionelle Hilfe zu holen wird hier seitens der Risikoprüfer als positives Signal bewertet.

Handelt es sich hingegen um lange Therapien über mehrere Monate oder Jahre, welche auf „nicht verarbeiteten Traumata aus der Kindheit“ herrühren, oder die Behandlung von Depressionen, Essstörungen oder dergleichen, so ist die Aussage „Ablehnung des Antrages“ meist nicht nur schnell, sondern auch unwiderruflich gefällt. Diese „von innen kommenden Ereignisse“ stellen ein Risiko dar, welches sich die Versicherer in Ihren Beständen nicht „einkaufen“ möchten. Grund hier sind die Kosten und Folgekosten die entstehen können. Gerade er sich im Bereich der psychischen und psychosomatischen Erkrankungen stationär behandeln lässt, verursacht nicht nur in der Klinik sondern auch danach noch immense Kosten.

Daher kann man vereinfach sagen: Von außen plötzlich kommende Ereignisse sind durchaus versicherbar, die anderen meist nicht oder nur nach Ablauf sehr großer Zeiträume.

Ist ein Abbruch einer Therapie besser als eine Nutzung aller genehmigten Sitzungen?

Auch das ist eine Frage, die nicht pauschal zu beantworten ist. EinRisikoprüfer sieht es zum Beispiel so:

Wird ein Kunde von seinem Arzt zu einer Psychotherapie geschickt, weil gerade die Mutter gestorben war und beendet dieser die Therapie schon nach 4, der angedachten 15 Sitzungen weil er nun damit umgehen kann und weiss, das und wie es weitergeht, so sehe ich das durchaus positiv in meiner Prüfung. Der Kunde hat gesehen und gelernt, dass er mit solchen Ereignissen umgehen kann und muss und sich entschieden keine weitere Hilfe mehr in Anspruch zu nehmen. Auch Kunden die „nur mal ausprobieren wollten“ ob es was bringt, sich dann aber schnell entscheiden „das ist nichts für mich“, versichern wir durchaus.

Auch Antragsteller, die während des Studiums und aus Angst vor einer Prüfung oder dergleichen solche Hilfe in Anspruch genommen haben, betrachten viele Unternehmen nicht von Vornherein als „nicht versicherbar“. Diese Ereignisse sind erklärbar und vorallem nachvollziehbar und daher durchaus versicherbar.

Aber es gibt hinsichtlich des Abbruches auch andere Fälle. So vertreten andere Risikoexperten der Privaten Krankenversicherung die Ansicht, das ein Anbruch auch negativ zu werten sei. Wenn jemand sich nicht behandeln lassen will und die Beschwerden danach nicht besser sind, dann entstehen hier Kosten für den Versicherer. Daher ist bei abgeschlossener oder abgebrochener Therapie immer genau zu schauen, welche Kriterien hier eine Rolle spielten.

Was kann ich als Antragsteller nun tun?

Bevor Sie sich mit der Frage beschäftigen, wer nun 3, 5 oder 10 Jahre fragt und wo Sie einen Antrag stellen können, lesen Sie bitte den Leitfaden und beschäftigen sich mit den Auswahlkriterien zur Privaten Krankenversicherung. Es ist keinesfalls sinnvoll sich für ein Unternehmen zu entscheiden, nur weil es nur einen Zeitraum von 3 oder 5 Jahren abfragt.

Besorgen Sie sich aber vor Antragstellung und vor jedweder Voranfrage folgende Unterlagen:

  1. Diagnose und ggf. Aufstellung der Beschwerden und Befunde des Arztes
  2. Anfrage zur Kostenübernahme an die Krankenkasse oder bisherige PKV
  3. ausführlicher Bericht des Therapeuten
  4. Schreiben Sie allein bitte dazu so genau als möglich auf, was die Ursache, die Beschwerden und der Verkauf aus Ihrer Sicht waren. Dazu bitte auch mit erklären, wie die Behandlung aus Ihrer Sicht gelaufen ist, was mit den Beschwerden passiert und und (falls erfolgt) warum die Behandlung nicht beendet wurde.

Mit diesen Unterlagen und Befunden können Sie sich dann einen einen spezialisierten Berater wenden. Dieser wird jedoch keinen Antrag stellen, sondern im Rahmen von Voranfragen bzw. einer Ausschreibung das Risiko einschätzen lassen und es mit Ihnen besprechen.

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2 Antworten zu “Psychotherapie und die Private Krankenversicherung – abgebrochene Therapie besser als zu Ende geführte?”

  1. Marco Barreto Bittner Says:

    Hallo Kollege,

    was Sie hier schreiben: „Nimmt ein Antragsteller die Hilfe von Psychologen oder Psychotherapeuten in Anspruch, weil sich ein extremes Ereignis in seinem Leben zugetragen hat, so ist die Bewertung aus Sicht der Versicherung meist deutlich positiver.“ Kann ich aus meiner täglichen Praxis so nicht bestätigen, leider. Würde mich interessieren, wie Sie damit umgegangen sind.

    Ich habe – tragisch – das Opfer eines Gewaltverbrechens im Kundenstamm und damit echte Schwierigkeiten. Der Fall ist nun mehr als zwei Jahre her und beschwerdefrei. Ich möchte aber nicht nur deshalb eine Versicherung mit „passendem“ Antrag verkaufen.

  2. Martin Says:

    Ich frage mich manchmal, aus welchen Daten die Risikoanalysen der Versicherer stammen: es mag zwar sein, dass Patienten mit Somatisierungsstörungen erhöhtes Inanspruchnahmeverhalten des Gesundheitswesens zeigen, was die PKV dann mehr kostet, aber auch das Gegenteil ist richtig: nach erfolgter Psychotherapie nimmt das Inanspruchnahmeverhalten deutlich ab, weil bessere Streßbewältigungsstrategien und emotionale Verarbeitungsstrategien aufgebaut wurden: also – ein bißchen differenzierter sollte hier schon vorgegangen werden!

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