Gastbeitrag: Berufsunfähigkeit – das unterschätzte Risiko

Sven Hennig

Das Risiko berufsunfähig zu werden wird häufig falsch eingeschätzt. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Forsa Institut, im Auftrag der Versicherungskammer Bayern(VKB). Die Umfrage wurde im Februar 2012 in Bayern durchgeführt.

Schätzung des Anteils derer, die im Laufe ihres Lebens berufsunfähig werden (n=500 Bayern; Quelle: Versicherungskammer Bayern) © Versicherungskammer Bayern

Fast die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass maximal 10% der Gesamtbevölkerung im Laufe des Lebens arbeitsunfähig werden. Tatsächlich scheiden inzwischen schon fast 25% der Arbeitnehmer aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Berufsleben aus.

Diese Einschätzung ist besonders auffällig, weil knapp 33% ihren Beruf für besonders stressig und ca. 15% ihren Beruf für körperlich anstrengend oder gar gefährlich halten. Zu dem gibt fast jeder Dritte an einen Betroffenen in seinem Umfeld zu kennen.

„Wenn schon berufsunfähig, dann sind es doch bestimmt die anderen“,

scheint hier die Meinung der Befragten zu sein.

Dem entsprechend sehen auch nur 8 von Hundert ihr persönliches Risiko berufsunfähig zu werden als stark erhöht an und 22 von Hundert als leicht erhöht.

Einschätzung des persönlichen Risikos, berufsunfähig zu werden (n=500 Bayern; Quelle: Versicherungskammer Bayern) © Versicherungskammer Bayern

Erschreckend ist auch die Tatsache, dass 37% aller Haushalte eine Vollkaskoversicherung für ihr Auto abgeschlossen haben, dagegen aber nicht einmal 25% eine private Berufs- oder Erwerbsunfähigkeits-Versicherung besitzen.

Der Wert von Auto und Arbeitskraft

Das Auto, das bei den meisten einen Wert zwischen 15.000 und 70.000 Euro haben dürfte bekommt also eine Vollkasko. Die Arbeitskraft hat bei einem 30 jährigen, der noch 37 Jahre zu arbeiten hat und einen Monatslohn von 2.500 Euro bezieht demzufolge einen Wert von 1,11 Mio. EUR. (2.500 x 12 Monate x 37 Jahre).

Dieser Wert von 1,11 Mio. EUR wird aber in keinster Weise abgesichert.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass mit der Berufsunfähigkeit nicht nur das monatliche Einkommen entfällt. In diesem Fall endet auch abrupt der Aufbau der gesetzlichen und der privaten Altersvorsorge. Wo kein Einkommen ist, kann auch nichts für später auf die Seite gelegt werden.

Befragte setzen womöglich auf familiäre Absicherung

Die Forsa-Marktforscher gehen davon aus, dass viele der Befragten für den Fall der Berufsunfähigkeit auf familiäre Unterstützung hoffen. In München z.B., wo Single-Haushalte verbreiteter sein dürften als auf dem Land, ist das Problembewusstsein etwas ausgeprägter.

Aber bei den aktuellen Scheidungsraten und dem Trend zu Single-Haushalten dürfte diese Hoffnung allerdings zu optimistisch zu sein.

Wenig Information in Bezug auf gesetzliche Leistungen

Dazu kommt, dass den Meisten nicht bekannt ist, dass Sie kaum Leistungen aus der gesetzlichen Absicherung zu erwarten haben.

Für alle, die nach dem 1. Januar 1961 geboren sind gibt es seit der Rentenreform von 2001 keine gesetzliche Berufsunfähigkeitsversicherung mehr. Als einziges ist hier noch die Erwerbsminderungsrente vorgesehen.

Fehleinschätzung und Abgrenzungsschwierigkeiten zur Unfallversicherung

Viele der Befragten haben offensichtlich Verständnisprobleme in Bezug auf die Abgrenzung zwischen Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherung.

So führen nach Statistiken der Zugänge für eine Erwerbsminderungsrente der Deutschen Rentenversicherung aus dem Jahre 2010 am häufigsten psychische Erkrankungen und Nervenkrankheiten zur Erwerbsminderung. Gefolgt werden diese von Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparates. Die Bedeutung von Unfällen wird bei den Befragten völlig überschätzt.

Lösung des Problems ohne kompetente Berater kaum möglich

Nach Auffassung von Joachim Geiberger vom Analysehaus Morgen & Morgen lässt sich die passende Berufsunfähigkeitsversicherung ohne kompetente Berater kaum finden.

Dazu tragen die Unübersichtlichkeit der Bedingungswerke der Versicherer und die extremen Preisunterschiede bei.

Die „beste Berufsunfähigkeitsversicherung“ gibt es eben nicht. Hier kommt es auf die persönlichen Verhältnisse und die spezifischen Anforderungen an den eigenen Versicherungsschutz an.

Über den Autor:

Hans Jung ist Versicherungsmakler und hat sich auf die Beratung in den Bereichen Private Krankenversicherung und Berufsunfähigkeitsversicherung spezialisiert.
Er betreibt einen eigenen Blog zu besagten Themenbereichen. Sie finden Ihn auch auf Xing, Twitter und Facebook.

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3 Antworten zu “Gastbeitrag: Berufsunfähigkeit – das unterschätzte Risiko”

  1. Kai Says:

    Hallo,
    m.E. fehlen hier ein paar Infos. Soweit eine Berufsunfähigkeit aufgrund eines Unfalls eintritt, kann eine private oder ggf. die gesetzliche Unfallversicherung leisten. Möglicherweise gibt es auch einen Schädiger. Auch müssen Alle, die zwei Jahre vor der Rente ausscheiden, herausgerechnet werden, denn es gibt dann zwei Jahre Arbeitslosengeld und dann Rente. Sind die ca. 25%, die ausscheiden, dauerhaft ausgeschieden?
    Viele Grüße und auch noch Lob an Ihr gutes Blog.

  2. Hans Jung Says:

    Vielen Dank für den Kommentar.

    Sie haben recht, dass bei einer Berufsunfähigkeit unter Umständen auch eine Unfallversicherung leisten kann.

    Bei jedem Beitrag stellt sich die Frage, welche Information ich noch liefere und wo ich die Grenze ziehe, damit der einzelne Beitrag nicht „ausufert“.

  3. Basti Says:

    Ein wirklich gelungener Blogartikel, alle primären Punkte einer Berufsunfähigkeit beleuchetet. Besonders gut hat mir der Vollkaskovergleich gefallen. Kannte den zwar schon, aber finde diesen sinnbildlichen Vergleich und seine eigentlich sehr „krasse“ Aussage sehr gut um Skeptikern die Augen zu öffnen.
    Interessant finde ich persönlich noch das Thema, was die Menschen machen sollen, die sich gerne versichern wollen, aber auf Grund von bereits vorhandenen Beschwerden den Schutz nicht leisten könne, wegen dem Aufpreis oder gar Abgelehnt werden. Da sollte nämlich veranschaulicht werden, welche Alternativen sinnvoll sind und welche einfach nur Geld schlucken und eigentliche keinen besseren Schutz bieten, als die gesetzliche Absicherung.

    lg Basti

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