Die aktuelle Diskussion um Systemunterschiede und Mindeststandards für die Private Krankenversicherung – einige Er- und Aufklärungen

Sven Hennig

Wer hat es in den letzten Tagen nicht gelesen, was die Medien mehr oder minder qualifiziert über die veröffentlichte Studie „GKV/PKV-Systemgrenze: Bestandsaufnahme“ geschrieben haben.(Link zur Bestellung) Veröffentlicht wurde diese Studie von dem Kieler Gesundheitsökonom Thomas Drabinski (IfMDA) und dem PremiumCircle in Frankfurt. Da ist von Mindeststandards die Rede, einige Veröffentlichungen sprechen von gierigen Maklern die nur an ihr eigenes Wohl denken und Tarifen die den Namen Krankenversicherung gar nicht verdient haben, da „Mindestleistungen“ nicht enthalten sind. Die Frage die sich zunächst stellt, was sind denn Mindestleistungen? Stellt die Gesetzliche Krankenkasse in Deutschland die Mindestleistungen dar? Das würde auch bedeuten, dass sich diese ändern, sobald der Gesetzgeber Leistungen aus der GKV kürzt, gelten dann andere „Mindestleistungen“? (Übersicht zu den Gesundheitsreformen und Leistungskürzungen in der GKV)

Die Reaktionen auf Kunden- und Interessentenseite sind unterschiedlich. Die Einen, bereits privat Krankenversicherten sprechen mich an und überdenken ihren derzeitigen Tarif, die anderen noch GKV Versicherten überlegen ob die Private Krankenversicherung zu ihnen passt, oder sie überhaupt zur PKV.

Doch was genau ist dran an der Forderung nach Qualifizierung und Mindeststandards? Was genau fehlt den Tarifen der Privaten und was fehlt der GKV? In die Zukunft kann weder die Studie, noch Sie oder ich sehen. Das was aber passiert nun, das sind Prozesse des drüber Nachdenkens und des aktiven Entscheidens.

Wie sah es denn bisher (leider oft) aus?

In der Vergangenheit, vor dem 01. 04. 2012 haben sich die Versicherer durch Vertriebe und Vertriebsmethoden wie MEG zu ungerechtfertigten Vergütungen hochschaukeln lassen. Einer wurde gieriger als der andere und jeder wollte sich noch ein bisschen mehr Geschäft vom Kuchen erkaufen. Das hat nicht nur bei MEG dazu geführt, dass die Beratungsqualität sank, es ein Massenprodukt wurde und die Qualität von Bedingungen in den Hintergrund gerückt ist. Es war nicht wichtig, ob ein Tarif existenzielle Risiken abdeckte, solange er billig war und in einer Vergleichssoftware für den Vermittler der keine Ahnung hat, oben auftauchte.

Wollte ein Versicherer einen neuen Tarif auf den Markt bringen, so wurde zunächst überlegt, wie denn die Mitbewerber so sind, dann wurden Selbstbeteiligungen so festgelegt, dass man in ein Raster einer Vergleichssoftware passte. Leistungen nach denen der unwissende Vermittler fragte (Brille, Wie viel Prozent Zahnersatz etc.) wurden so gestaltet, das es gut aussah. Doch außer den Versicherern nützte das niemanden. Kunden die nicht in die PKV gehören wurden durch billige Prämien angelockt, das Ganze von Vermittlern die nicht verstehen was sie da verkaufen und den potentiellen Kunden in 20 Min. zum Abschluß bewegen. Leidtragende sind die Kunden, denn die haben nicht verstanden, was ein Tarif enthielt, welche Leistungen bezahlt oder ausgeschlossen wurden und das alles bei einem Produkt, was diese lebenslang begleiten sollte. –> Artikel: „Eine PKV muss man sich leisten können und wollen“

Besonders schade an der aktuellen Diskussion ist jedoch der Eindruck, das alle Makler, Berater und Vermittler und die Versicherer gleich mit, gleich sind. So gibt es eine Reihe von PKV Unternehmen, die diesen „wir sind billiger“- Hype nie mitgemacht haben und viele Berater die keinerlei solche Tarife im Bestand haben. Ich kann auch, nicht ganz ohne Stolz, behaupten keinen einzigen dieser Billigtarife, mit Leistungen die nicht vertretbar sind, verkauft zu haben und vielen Kunden in den letzten Jahren auch von der PKV abgeraten habe. So tun es einige meiner spezialisierten Kollegen auch, dennoch wird hier eine gesamte Branche verurteilt, das „stinkt“ mir seit Jahren gewaltig und muss auch einmal deutlich gesagt werden dürfen. Die Presse ist oftmals einfach auch auf Schlagzeilen aus, wie man lesen kann. –> Artikel „Aktuelle Diskussion der Verbraucherzentrale “PKV braucht Reform” oder „ARD Panorama Bericht zur Privaten Krankenversicherung – einseitig, polemisch und zudem schlecht recherchiert

Was passierte jetzt dann?

Nach der Diskussion über die bösen Vermittler, die doch 10 und mehr Monatsbeiträge als Vergütung bekamen, folgte auch die Diskussion über Leistung, Lücken im Versicherungsschutz und die Frage nach Mindestleistungen. Es ist schon erstaunlich wie eine Branche, die es selbst verantwortet und sich von gierigen Vertrieben und Vorständen leiten lies, plötzlich eine Regulierung durch die Politik fordert. Da soll(t)en Vergütungen begrenzt werden, Mindestleistungen in Tarife eingeführt und der Markt weiter reguliert werden. Ist das notwenig, erforderlich, vielleicht sogar gut?

Die Situation heute

Die Vergütungen der Vermittler wurden auf einen Höchstsatz von 9 Monatsbeiträgen begrenzt. Hierbei handelt es sich nicht um den Zahlbeitrag des Kunden, sondern um den KV Beitrag meist ohne Zuschläge, Pflegeversicherung etc. Auch Vertriebe, Pools oder andere bekommen nicht mehr- offiziell. Doch auch da finden sich Mittel und Wege, einige wollen „Bürokostenzuschüsse“ oder sonstige Zahlungen einführen, andere finden eben andere Wege. Weiterhin hat der Gesetzgeber die so genannte Stornohaftungszeit auf 5 Jahre verlängert. Das ist die Zeit, in der der Berater seine Vergütung (anteilig) zurückzahlen muss, wenn der Vertrag storniert wird. Übertragen auf zum Beispiel einen Autoverkäufer bedeutet das, wenn der Kunde sein Auto in den ersten 5 Jahren wieder verkauft, so muss der Verkäufer sein Gehalt teilweise zurückzahlen.

Wer jetzt vorschlägt diese Vergütungen auf 4 Monatsbeiträge zu begrenzen, der muss gleichzeitig jedoch erklären wie eine langfristige Honorierung der Beratung und Betreuung aussehen soll. Ich kann nur von mir persönlich sprechen und meine PKV Beratung von der 1. Kontaktaufnahme bis zum Beginn, also inkl. Abwicklung von Kündigungen, Abstimmung von Bescheinigungen etc. erfordert durchschnittlich 20 Stunden Aufwand pro Kunde (bei einem Wechsel aus der GKV). Das beinhaltet Beratung, Unterlagen aufbereiten, (Vor-)anfragen stellen, Arzt konsultieren etc. Rechnen wir nun eine Vergütung von 3.000 EUR (Umsatz vor Steuer) dagegen und ziehe ich Kosten für Softwarelizenzen etc. ab, so finde ich das absolut nicht unangemessen. Für eine Beratung in 20 Minuten oder der Ausdruck von 5 Seiten Vergleich jedoch schon.

Mindeststandards haben wir auch heute nicht. Jeder kann das an Produkten bekommen, was verfügbar und aus seiner, oder Sicht des Beraters auf ihn passt. Das führt leider dazu, das (viele) Kunden die Tragweite nicht verstehen und überblicken können und auch nicht bereit sind, sich mit Seiten von Bedingungen, Fragebögen und dergleichen zu beschäftigen.

Meine Kunden müssen seit Jahren vor einer Beratung –> mehrseitige Fragebögen ausfüllen, in Telefonaten und per Mail viele weitere Fragen beantworten und sich mit mehr als 50-seitigen Unterlagen beschäftigen. Eine Beratung zur PKV dauert Stunden und die sind in der Gesamtheit von Anfrage bis Abschluss zweistellig. Aber ich habe eben auch nicht die Kunden, die das nicht wollen. Meine, fast ausschließlich angestellten Kunden wollen sich beteiligen, sie wollen wissen wo Lücken im Vertrag sind, wo der Versicherer Möglichkeiten hat eine Leistung zu beschränken oder einzugrenzen und wissen auch, eine solche Beratung ist nicht in einer Stunde oder gar 20 Minuten zu erledigen. Der jedoch, der (auch ab und an zu mir) kommt und fragt „welches ist denn die billigste PKV für mich“ oder „ich will nur das was die gesetzliche auch leistet“, das sind vielfach die, die sich dann später über Lücken im Schutz beschweren. In meinem Artikel „Die private Krankenversicherung muss man sich leisten können und wollen“ ging es schon in der Vergangenheit darum, auf die Leistung und nicht vorrangig auf den Preis zu achten. Wer sich die heutigen und/ oder zukünftigen Beiträge nicht leisten kann oder will, der ist in der PKV schlichtweg falsch. Nicht jeder Selbstständige oder Existenzgründer passt in die Private Krankenversicherung und nicht jedem passt die PKV.

Und nun- was ändert das alles jetzt?

In der aktuellen Diskussion wird nun wieder nach Regulierung gerufen. Positiv an solchen „Berichterstattungswellen“ in den Medien ist sicher, das sich mehr Menschen Gedanken darüber machen. So schrieb mir heute ein Interessent, der damals bei einem anderen Kollegen abgeschlossen hat:

„Ich habe den Spiegel Artikel gelesen, welcher mich nun etwas besorgt. Ich spiele nun mit dem Gedanken bis Ende des Jahres meine Versicherung zu wechseln. Welche PKV bietet ihrer Meinung nach den umfassensten Schutz?“.

Schön und positiv ist, dass sich nun ausführlichere Gedanken gemacht werden, Gedanken zu Tarifen, Leistungen und Einschränkungen. Doch die letzte Frage ist so auch nicht zu beantworten. Es geht nicht um den Schutz, der die meisten Leistungen bietet, es geht um den passenden, den individuellen Schutz der auf der Leistungsseite passend für die jeweilige Situation ist, auf der Prämienseite bezahlbar und am Ende genau das abdeckt, was sich der Kunde wünscht. Dazu muss dieser aber erst einmal wissen was es am Markt gibt und wie sich die Leistungen und/ oder Einschränkungen finanziell auswirken. Was bedeutet es, wenn die Hilfsmittelleistungen eingeschränkt, oder die häusliche Krankenpflege und/ oder das Hospiz nicht versichert sind. Kann und will ich damit leben?
Einen 100% passenden Schutz für alle und jeden kann es nicht geben. Im Alltag würde das, übertragen gesprochen, alle Klein- und Mittelklasseautos von den Straßen verbannen und nur noch Luxuskarossen zulassen. Was aber wenn ich als Kunde mir diese nicht leisten kann, oder will?

Was können Sie tun, was müssen Sie tun?

Die Tipps sind keinesfalls neu und viele meiner Kunden haben die schon x-Mal gehört. Es gibt nicht den besten oder billigsten Schutz. Es gibt Tarife die zu einem passen, oder eben welche die es nicht tun. Gleiches gilt für die Gesellschaften, wo es neben Aktiengesellschaften auch Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit gibt. Was nun genau besser oder schlechter ist? Beide haben Vor- und Nachteile die es gegeneinander abzuwägen gilt.

Wenn Sie also schon privat versichert sind, dann überlegen Sie wie genau Sie zu diesem Unternehmen und Tarif kamen. Haben Sie Bedingungen gelesen, Leistungen im Detail verglichen und sich ausführlich vor dem Kauf damit beschäftigt? Wurden Fragen gestellt, Leistungen und deren Auswirkungen besprochen und dann Tarife vorgeschlagen und nach und nach verfeinert? Ja? Dann haben Sie alles richtig gemacht und wenn der Berater sich Zeit genommen hat und Sie begleitet, dann hat er seine Vergütung auch verdient- oder?

War es aber anders, haben Sie ihren Berater nur kurz gesehen oder gehört und in 20 Minuten oder einer Stunden hat er „den besten Tarif“ für Sie gefunden oder durften Sie nach 4-5 Fragen noch aus dreien auswählen, die eh alle die besten sind? Dann sollten Sie die Wahl des Versicherers und auch des Tarifs nochmals überdenken und das ganze am beten nicht auf die lange Bank schieben. Nur so werden Sie merken, ob das was Sie von ihrem Tarif erwarten auch tatsächlich drin ist. Wer glaubt ein Luxusauto zu fahren, aber eigentlich in (s)einem Kleinwagen sitzt, der wird schnell das sein „blaues Wunder erleben“.

Aus meiner Sicht ist die aktuelle Diskussion (mal wieder) überhitzt und nicht mehr sachlich. Für viele Medien ein „gefundenes Fressen“ auf die Private Krankenversicherung und das duale System einzuhauen. Ob und was für ein System wir in Zukunft haben werden, das weiss noch niemand. Nicht nur die Bundestagswahl in 2013 wird dazu neue Impulse geben, auch die Frage wie es denn umgesetzt wird. Sie wissen ja wie das mit Wahlversprechen und deren Umsetzung manchmal ist.

Lassen Sie sich also nicht noch zusätzlich verunsichern und treffen Ihre Entscheidung für die GKV oder PKV und für passende Tarife und Modelle in Ruhe, mit ausreichender Überlegung und der passenden Bedenkzeit- dann werden Sie auch eine Entscheidung für sich richtig und ohne Reue treffen können.

Was können Sie tun- vier Tipps:

1.) Legen Sie mit Hilfe der Auswahlkriterien und des Kriterienfragebogens ihren persönlichen Anspruch fest

2.) Schauen Sie in die Police und den letzten Nachtrag und suchen Sie sich genau die Tarife heraus, die bei Ihnen versichert sind!

3.) Überprüfen Sie Zusatzbausteine wie ausreichendes Krankentaggeld, Beitragsentlastungsbausteine und dergleichen. Ist die PKV auf ihren Berufsunfähigkeitsschutz abgestimmt?

4.) Wenden Sie sich an einen spezialisierten Berater und besprechen die Übereinstimmungen und Abweichungen zwischen ihren Ansprüchen und Wünschen und dem Tarif

Weitere Informationen:

Sie müssen sich schnell entscheiden- der Unsinn von Verkäufern in der PKV

Artikel im Ärzteblatt: „Viele PKV Tarife leisten weniger als die GKV

Artikel in der Financial Time Deutschland, dem Handelsblatt und der Welt

Übersicht (Wikipedia) zu Gesundheitsreformen und Leistungskürzungen in der GKV

Auch der PKV Verband hat dazu eine Meldung veröffentlicht und zuletzt noch ein Video vom Spiegel

Bestellink zur Studie

Leitfaden zur Privaten Krankenversicherung und den Systemunterschieden


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