Archiv für April 2011

28.
April '11

Rücktritt unzulässig, Urteil LG Dortmund 2 O 250/10 gegen die Hanse Merkur Krankenversicherung


Gerade schrieb ich über die Tarife „KVE Start Fit“ der Hanse Merkur und derern Lücken und Besonderheiten in den Bedingungen. In meinem Blogbeitrag „Hanse Merkur Start Fit (KVE) – der optimale Schutz wie behauptet?“ lesen Sie unter anderem, was genau bei den Tarifen zu beachten ist.

Das Landgericht Dortmund hatte sich unter dem Aktenzeichen 2 O 250/10 mit einem Versicherten in diesem Tarif zu beschäftigen. Der Krankenversicherer, die Hanse Merkur Krankenversicherung, war wegen (angeblich) fehlender Angaben vom Vertrag zurück getreten und wollte die medizinischen Leistungen nicht erbringen. Den Rücktritt begründete man mit einer so genannten vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung.

In dem Antrag auf private Krankenversicherung wurden vom Kunden nicht alle Angaben gemacht behauptete der Versicherer und wollte „aus dem Vertrag raus“. Der Kunde wehrte sich dagegen und bekam nunmehr vom Landgericht Recht. Dabei ging es um Angaben, welche er gegenüber dem Vertreter gemacht worden sind.

Die Richter halten den Rücktritt jedoch für unwirksam und verurteilten den Versicherer nun zur Zahlung von mehr als 1.700 Eur. Soweit ist das nichts ungewöhnliches. Spannend ist jedoch die Urteilsbegründung.

Hier geht es um grundsätzliche Fragen zur Anzeigepflichtverletzung, besser noch um die Frage, wie der Kunde im Antrag zu belehren ist. Die Hanse Merkur legt dem Antrag auf einem neuen Blatt so genannte „Schlusserklärungen“ bei. Diese sind mit dem Hinweis versehen „Wichtig für den/ die Antragsteller/-in:„. Im Antrag selbst wird genau über dem Unterschriftenfeld auf folgendes hingewiesen:

Bevor Sie diesen Antrag unterschreiben, lesen Sie bitte die Schlusserklärungen des/der Antragsteller(s)/-in und der zu versichernden Personen auf der Rückseite dieses Antrags. Die in diesen Schlusserklärungen enthaltene allgemeine Schweigepflichtentbindungserklärung habe ich zur Kenntnis genommen und stimme ihr zu. Ich kann diese Erklärung jedoch jederzeit widerrufen. Diese Erklärungen enthalten auch Hinweise zur Datenverarbeitung; sie sind wichtiger Bestandteil des Vertrages. Sie machen mit Ihrer Unterschrift die Schlusserklärungen zum Inhalt dieses Antrages.

In den Entscheidungsgründen führen die Richter aus, dass diese keine ausreichende Belehrung in den Antragsformularen der Hanse Merkur sehen. Dort heißt es dann genau:

Denn der Beklagten stand das ausgeübte Rücktrittsrecht unbeschadet seiner materiellen Berechtigung nach § 19 Abs. 5 S. 1 VVG schon deswegen nicht zu, weil die Beklagte den Kläger nicht ordnungsgemäß auf die Folgen einer Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung hingewiesen hat (…)

Zudem hatte der Versicherer in seinem Rücktritt auf den (alten) § 16 des VVG Bezug genommen. Da der Vertrag jedoch nach dem 31. 12. 2007 geschlossen wurde, ist das neue Versicherungsvertragsgesetz (VVG) anzuwenden. Der maßgebliche Paragraph dort ist der §19 ff. VVG 2008. Jedoch dieses allein wäre nicht Grund genug, den Rücktritt als unberechtigt einzustufen. Dennoch stellt sich die Frage, warum ein Unternehmen nicht in der Lage ist, die richtigen Rechtsgrundlagen zu nennen. Doch was genau steht nun in dem §19?

(5) Dem Versicherer stehen die Rechte nach den Absätzen 2 bis 4 nur zu, wenn er den Versicherungsnehmer durch gesonderte Mitteilung in Textform auf die Folgen einer Anzeigepflichtverletzung hingewiesen hat. Die Rechte sind ausgeschlossen, wenn der Versicherer den nicht angezeigten Gefahrumstand oder die Unrichtigkeit der Anzeige kannte.

Doch einer solchen Pflicht des Gesetzgebers genügt das Antragsformular der Hanse Merkur nach Angaben der Richter nicht. Liest man sich die Entscheidungsgründe weiter durch, so fallen sehr deutliche Formulierungen auf. Dabei heißt es nämlich:

Die Belehrung der Beklagten genügt bereits in formeller Hinsicht nicht den gesetzlichen Anforderungen. Die Beklagte hat sich dazu entschieden, den Hinweis nach § 19 Abs. 5 S. 1 VVG nicht in das Antragsformular zu integrieren, sondern in die dem Antrag beigefügten Schlusserklärungen einzufügen, auf die vor der Unterschriftsleiste im Antragsformular hingewiesen wird. Diese Schlusserklärungen enthalten allerdings nicht nur den Hinweis über die Rechtsfolgen einer vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung, sondern eine Vielzahl weiterer Informationen, denen gegenüber der Hinweis auf die Rechtsfolgen einer vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung weder hervorgehoben, geschweige denn deutlich hervorgehoben ist.

Diese deutlichen Worte sind eine „Klatsche“ für denjenigen, der das Antragsformular entworfen oder „abgesegnet“ hat. Das Antragsformular ist natürlich nicht nur für diesen, sondern eine Vielzahl von Kunden der Hanse M. verwandt worden.

Betrifft das alle Hanse Merkur Kunden und muss ich handeln?

Grundsätzlich brauchen Sie nichts zu unternehmen, wenn der Vertrag besteht und Sie alle Gesundheitsangaben richtig und vollständig gemacht haben. Falls Sie jedoch auch von einem Rücktritt betroffen sind, oder der Versicherer auch Ihren Vertrag wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht beendet hat, so sollten Sie sich dieses nicht gefallen lassen.

Diese Entscheidung scheint auch keine Einzelfallentscheidung gegen die Hanse Merkur zu sein. Auch in einem weiteren Verfahren vor dem LG Dortmund (Az. 2 O 105/10) ist ein ähnlich gelagerter Fall vorhanden. Auch hier geht es um die Frage zum möglichen Rücktritt und auch hier gibt das Gericht der Kundin recht. Der Hanse Merkur stehe kein Rücktrittsrecht zu.

Darüber hinaus ist die Belehrung auch irreführend, soweit sie auf die Rechtsfolgen des Rücktritts, der Anfechtung und der Vertragsanpassung hinweist. Die Beklagte erwähnt ausdrücklich, dass sowohl bei Ausübungen des Rücktrittsrechtes als auch bei wirksamer Anfechtungserklärung kein Anspruch auf die Versicherungsleistung besteht. Ein solcher Hinweis findet sich bei der Erläuterung der Rechtsfolgen einer Vertragsanpassung indes nicht, jedenfalls nicht in einer für das Verständnis des durchschnittlichen Versicherungsnehmers erforderlichen Klarheit.

Es reicht nicht aus, Hinweise anzubringen, diese müssen natürlich auch klar und „für den durchschnittlichen Versicherungsnehmer“ verständlich sein.

Was genau Sie tun können, wenn es einen Rücktritt gibt/ gab?

Wenden Sie sich in solchen Fällen, ggf. unter Verweis auf das Urteil des LG Dortmund, an den Versicherer. Die Hanse Merkur wird vielleicht den Rücktritt zurück nehmen. Sollte dem nicht so sein, so ist rechtlicher Beistand nötig um entsprechend klageweise vorgehen zu können. Ob zudem ein Schadenersatzanspruch besteht, falls Sie derzeit einen neuen, teureren Versicherungsschutz wählen mussten, muss ein Rechtsanwalt beurteilen.

Gilt das auch für die heute abgeschlossenen Verträge und Anträge?

Das müssen im Zweifel Gerichte beurteilen. Jedoch halte ich auch die heutigen Hinweise in den Antragsformularen der Hanse Merkur nicht für viel besser. Sie können sich diesen Antrag im Downloadbereich unter den Antragsunterlagen gern einmal selbst ansehen. ( Hanse Merkur Krankenversicherung, Antrag Stand 2011)

Die Urteile stehen Ihnen auf den Seiten des Gerichts oder hier im Downloadbereich zur Verfügung:

LG Dortmund zum Rücktrittsrecht der Hanse Merkur, Az. 2 O 105/10

LG Dortmund zum Rücktrittsrecht der Hanse Merkur II, Az. 2 O 250/10

Weitere Blogbeiträge zum Rücktritt und der Anzeigepflichtverletzung

27.
April '11

Nürnberger Lebensversicherung – Dumm nur, wenn mal langjähriger Kunde ist und daher schlechter gestellt wird als der heutige Kunde


Es ist nichts neues, wenn ich schreibe: „Die Bedingungen in den Tarifen zur Berufsunfähigkeit haben sich in den letzten Jahren stetig verbessert.“ Gründe sind neben dem Marktdruck vor allem das steigende Bewusstsein für Leistung, statt immer zu schauen wo es billiger geht.

Daher ist es durchaus sinnvoll, seine Bedingungen des bestehenden Tarifs einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch wenn es schwer ist, versuchen Sie die Bedingungen zu verstehen. Manchmal entscheidet ein Wort über Rente oder Ablehnung. In meinem Leitfaden zur Berufsunfähigkeit habe ich Ihnen einige Formulierungen gegenüber gestellt. So können Sie „gute“ von „schlechten“ Formulierungen unterscheiden und lernen zu verstehen, warum manches besser nicht so geschrieben stehen sollte.

Stellen Sie nun fest, ihr bisheriger Vertrag ist nicht so optimal und Sie entschließen sich diesen zu beenden, so seien Sie froh, nicht bei der Nürnberger Lebensversicherung versichert zu sein.

In einem aktuellen Fall meines Kunden stellt sich die Situation wie folgt dar.

Der Kunde hat zwei Verträge bei der Nürnberger. Einen etwas älteren (Bedingungswerk GN251098_092008) und einen neueren (Bedingungen GN251098_201006). Da der Kunde aufgrund diverser Punkte in den Versicherungsbedingungen des Tarifs IBU C 2500 (unter anderem schlechten verbesserungswürdigen Regelungen bei Formulierungen zum Kräfteverfall, der Anordnung von Ärzten, vorübergehendem Ausscheiden aus dem Job, befristete Anerkenntnisse, Leistungsausschlüssen oder Optionen – alles nachzulesen in den Bedingungen und im Leitfaden) seinen Schutz kündigen wollte, erhielt er zwei Schreiben.

In einem wurde die Kündigung des (neueren) Vertrages bestätigt. Bei dem anderen Vertrag bestand man als Versicherer auf eine 3-Monatige Kündigungsfrist. Etwas verwundert fragte der Kunde nach und nach einem klärenden Blick in den Bedingungen fand sich auch die Erklärung.

Im neuen Bedingungswerk fand sich die (marktübliche Lösung):

§ 5 Wann können Sie die Versicherung kündigen oder beitragsfrei stellen bzw. welche Alternativen haben Sie bei Zahlungsschwierigkeiten? Kündigung und Auszahlung des Rückkaufswertes

(1) Sie können Ihre Versicherung jederzeit zum Schluss der laufenden Versicherungsperiode schriftlich kündigen. Dabei werden Ihnen über den Kündigungstermin hinaus gezahlte Beiträge erstattet.

Das bedeutet aber zunächst: Was ist die Versicherungsperiode?

Bei einer monatlichen Zahlung ist es der Monat, bei einer jährlichen Zahlung das Versicherungsjahr. Somit stellt sich jemand, der mit Blick auf die Ersparnis (meist 3-5%) die Jahreszahlung gewählt hat, hier schlechter, als jemand der monatlich zahlt. Im schlimmsten Fall muss dieser 11 Monate länger versichert bleiben.

Ich würde, wenn es mein Vertrag wäre, zunächst nicht kündigen, sondern zunächst auf monatliche Zahlung umstellen und darum bitten, mir den Restbetrag wieder zu erstatten. Dann kann man immer noch (monatlich) kündigen.

In dem 2. Vertrag langen jedoch die alten Bedingungen zu Grunde:

§ 5 Wann können Sie die Versicherung kündigen oder beitragsfrei stellen bzw. welche Alternativen haben Sie bei Zahlungsschwierigkeiten? Kündigung und Auszahlung des Rückkaufswertes

(1) Sie können Ihre Versicherung schriftlich kündigen

jederzeit zum Schluss des laufenden Versicherungsjahres, – innerhalb eines Versicherungsjahres mit einer Frist von drei Monaten zum Schluss des Versicherungsmonats, frühestens jedoch zum Schluss des ersten Versicherungsjahres.

Daher ist eine Kündigung hier gar nicht möglich zum Monatsende, sondern generell nur mit 3-Monatsfrist. Warum das so ist? Weil es so in den Bedingungen steht- klar. Damit wird aber ein Bestandskunde gegenüber dem (neu abschließenden) nicht ganz unerheblich schlechter gestellt. Dieses wird eben genau so praktiziert.

Kann man dieses verhindern?

Generell könnte folgende Lösung in Frage kommen, genau diese haben wir praktiziert und es hat bereits in der Vergangenheit funktioniert. Natürlich kann ich keine Garantie dafür übernehmen.

Es ist ja möglich den Vertrag auf aktuelle Bedingungen umzustellen. Also Schreiben an den Versicherer geschickt mit der Bitte „den bestehenden Vertrag Nr. XXX bitte zum nächsten Monatsersten auf die neuen Bedingungen umzustellen„. Diese Umstellung sollte problemlos funktionieren. Nachdem dieses geschehen ist (am besten noch im gleichen Monat) machte der Kunde „von seinem Kündigungsrecht Gebrauch und „kündig(t)e den Vertrag fristgemäß zum Ende des Monats.“

Durch diesen Weg ist eine Kündigung zwar mit etwas mehr Aufwand verbunden, geht aber so in jedem Fall einige Zeit eher von statten.

Generell sollten Sie sich aber immer zuerst Gedanken zu einem neuen Vertrag machen, die Auswahlkriterien zur Berufsunfähigkeitsversicherung genau lesen, verstehen und analysieren lassen und erst dann eine Kündigung aussprechen.

26.
April '11

Hanse Merkur Start Fit (KVE) – der optimale Schutz wie behauptet?


Im Augenblick scheint es einmal mehr Masche einiger Vertriebe zu sein, den Tarif eines Versicherers als den „optimalen“ Tarif zu bewerben und dabei zu vergessen, das es diesen nicht gibt. Jetzt könnte man mutmaßen, das es an dieser (etwas älteren) Pressemitteilung liegt, aber ich kann und will die „Unabhängigkeit“ hier weder bewerten noch kommentieren.

Dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen, auch diesen Tarif hier einmal etwas näher anzuschauen und zu überlegen, welche Einschränkungen der Kunde hier in Kauf nimmt, bewusst oder unbewusst. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, das die Auswahlkriterien der Privaten Krankenversicherung (PKV) für jeden unterschiedlich sein können und es daher nur den „persönlich besten/ passendsten“ Tarif geben kann.

Betrachten werden wir hier die Tarifkombination der Hanse Merkur START FIT (KVE, PS2, VKEH)

Insbesondere so genannte KANN Regelungen bergen die Gefahr, das „kann“ eben auch „muss nicht“ bedeuten kann. Ein Beispiel hierzu sind die Lösungen zum Auslandsaufenthalt. In den Bedingungen der Hanse Merkur heißt es dazu:

b) Verlegt eine versicherte Person ihren gewöhnlichen Aufenthalt in einen anderen Staat Europas, so kann durch Besondere Bedingungen die volle tarifliche Leistung ohne Begrenzung auf die Bundespflegesatzverordnung (BPflV), auf das Krankenhausentgeltgesetz (KHEntgG) oder auf die deutschen amtlichen Gebührenordnungen gemäß der Tarifbedingung zu § 4 Abs. 2 MB/KK 2009 vereinbart werden.

Wer entscheidet denn dann und vor allem nach welchen Kriterien, ob es kann oder nicht? Das bedeutet per se nicht, das die Lösung schlecht ist, sondern das sich der Versicherte über solche Themen klar sein sollte und wissen muss, das es eben auch keine andere Lösung geben muss und man hier mit einer Kürzung auf die, in Deutschland angefallenen Kosten, leben muss.

Weiterhin vermisse ich auch hier die Leistungen und somit Behandlungsmöglichkeiten in Hospizen, Krankenhausambulanzen, Medizinischen Versorgungszentren und auch den Krankenhäusern der Bundeswehr. Auch in meinem Kundenkreis gibt es einige, die in der Nähe solcher Kliniken wohnen und/ oder arbeiten und meist haben diese Krankenhäuser einen sehr guten Ruf. Daher ist es- wie bei einigen anderen Unternehmen der PKV auch- schade, wenn diese nicht in den Bedingungen genannt werden.

Noch so ein Beispiel für KANN Regelungen, findet sich bei der Passage zu Anschlussheilbehandlung (AHB) in den Bedingungen. Dort finden wir folgende Formulierungen:

zu § 5 (1) d MB/KK 2009

Aus Tarifen mit Leistungsanspruch für stationäre Krankenhausbehandlung kann bei stationärer Kur-, Heilstätten- oder Sanatoriumsbehandlung ein Kostenzuschuß gewährt werden, wenn der Versicherer diesen vor Kurantritt aufgrund eines ausführlichen ärztlichen Attestes zugesagt hat. Der Versicherer kann auch das Gutachten eines von ihm bestimmten Arztes verlangen. Soweit nicht im Tarif ergänzend ausdrücklich anderes bestimmt ist, können Leistungen erstmals für Behandlungen gewährt werden, die nach dreijähriger Versicherungsdauer stattfinden. Für Behandlungen dieser Art, die nach Ablauf von jeweils 3 weiteren Jahren stattfinden, können erneut Leistungen zur Verfügung gestellt werden.

Aus dem Tarifbaustein VKEH leistet der Versicherer dann beispielsweise bei stationären Genesungskuren einen Betrag von maximal 1.680 EUR (60 EUR für max. 28 Tage), bei sonstigen, medizinisch notwendigen Kuren die Hälfte (30 EUR für max. 28 Tage. Findet die Kur ambulant statt, so sind es dann noch bis zu 600 EUR. Oft wird diese Kur aber mit der Anschlußheilbehandlung verwechselt. Diese ist in den Bedingungen jedoch besonders behandelt, denn hier wird nur dann geleistet, wenn es sich um spezielle Diagnosen handelt. So heißt es dort:

3. wenn es sich um eine medizinisch notwendige stationäre Anschlussheilbehandlung (AHB) handelt, die innerhalb von zwei Wochen nach der stationären Akutbehandlung angetreten wurde und die aufgrund einer der folgenden Indikationen medizinisch notwendig war: Bypass- Operation am Herzen, akuter Herzinfarkt, Operation am offenen Herzen, Wirbelsäulen-Operation, Schlaganfall, Gelenkersatz mit Knie- oder Hüftgelenksprothesen oder Nagelung von Oberschenkelhalsbrüchen, sofern kein Anspruch gegen einen anderen Kostenträger besteht,

Die Aufzählung ist abschließend und somit feststehend. Andere Diagnosen lösen somit keine Leistungspflicht aus. Auch wenn die, meiner Meinung nach zu kurze, Frist von 2 Wochen überschritten wird, besteht keine Leistungsverpflichtung. Ob der Versicherte das zu vertreten hat, oder es einfach keinen Platz innerhalb von 2 Wochen gab, spielt hier keine Rolle.

In dem Tarif gilt das so genannte Primärarztprinzip. Ob man dieses als Versicherter gut oder schlecht findet, bleibt jedem selbst überlassen. Ausgenommen von dieser Regelung (und somit nicht betroffen von einer Kürzung auf 80% der Erstattung) sind Notfallbehandlungen, wenn kein Primärarzt verfügbar war. Dazu heißt es:

Wird die Erstbehandlung nicht durch einen Primärarzt durchgeführt, reduziert sich die Erstattung nach den Nummern 1.1 und 1.2 auf 80%. Für ambulante Operationen gilt die Erstattung wie bei einer Behandlung durch einen Primärarzt (100% nach den Nummern 1.1 und 1.2). Gleiches gilt für die Erstversorgung, wenn in einem akuten Notfall kein Primärarzt zu erreichen ist.

Ist es eigentlich ein Notfall, wenn ich mir auf einer Reise in eine andere Stadt den Fuß verstauche? Oder wie ist es, wenn ich morgens mit Magenschmerzen aufwache? Hier ergibt sich dann doch wieder eine Frage der Auslegung der Wortlaute. Als akuten Notfall sehe ich den letzten Fall zumindest nicht, also besser immer zu Primärarzt gehen, um Kürzungen zu vermeiden.

Beachtenswert und hoffentlich jedem dort Versicherten auch bekannt, sind die Formulierungen bei der Versorgung mit (zum Teil recht teuren) Hilfsmitteln. Dort finden wir in den Bedingungen folgende Aussagen:

Als Hilfsmittel gelten ausschließlich: Stoma-, Tracheostoma- und Inkontinenz-Versorgungsartikel; Bandagen; Orthesen und Prothesen, jeweils in funktionaler Standardausführung; die aus medizinischen Fachgeschäften bezogenen Bruchbänder, Leibbinden und Gummistrümpfe, orthopädischen Rumpf-, Arm- und Beinstützapparate, orthopädischen Schuhe, Einlagen, Schuhzurichtungen, Kunstaugen, CoaguCheck-System (Gerinnungsmonitore), Insulinpumpen, Medikamentenpumpen und Absauggeräte; Heimdialysegeräte; Rollatoren und Krankenfahrstühle. Hör- und Sprechhilfen sind bis zu einem Rechnungsbetrag von 1.000 EUR je Versicherungsfall erstattungsfähig. Erstattungsfähig sind auch die Kosten für das Ausleihen und die Reparatur dieser Hilfsmittel.

Sauerstoffkonzentratoren, Flüssigsauerstoff, Herz- und Atemmonitore sowie Pulsoxymeter für Säuglinge werden bei bestehender medizinischer Notwendigkeit vom Versicherer zur Verfügung gestellt.

Der Hilfsmittelkatalog ist somit zweifelsfrei geschlossen. Durchaus diskussionswürdig ist die Frage, was denn nun genau unter „funktionaler Standardausführung“ zu verstehen ist. Dieses könnte also durchaus in eine ähnliche Richtung gehen, wie die Formulierung der Continentalen Krankenversicherung, die da schreibt „in einfacher Ausführung“. Diese Formulierung „einfache Ausführung“ hat schon mehr als einmal die Gerichte beschäftigt. Zumindest die „lebenserhaltenden Hilfsmittel“ wären als offene Formulierung wünschenswert gewesen. Denn gerade das Problem der medizinischen Weiterentwicklung und somit verbundenem Fortschritt schließe ich mit dem Fehlen solcher Formulierung aus. All das, was heute nicht in den Bedingungen genannt ist, kann, darf und wird auch nicht gezahlt. Warum auch, denn es ist ja nicht aus Versehen sondern bewusst so geschrieben und auch so kalkuliert.

Spannend Interessant sind auch die genauen Formulierungen bei den Leistungen zur Psychotherapie. Diesen Absatz liest man am besten erst mehrfach und versucht den dann mit all seinen Vorgaben und Einschränkungen zu verstehen.

Ambulante psychotherapeutische Behandlung

Erstattet werden 80 % der erstattungsfähigen Aufwendungen. Erstattungsfähige Aufwendungen sind Behandlungskosten im Rahmen der Regelhöchstsätze der GOÄ bis zu 80 EUR je Sitzung für maximal 20 Sitzungen pro Kalenderjahr.

Ein durchaus üblicher Fall im Rahmen von besonderen Ereignissen wie Scheidung, Krankheit oder Tod naher Angehöriger oder auch leichteren Depressionen sind wöchentliche Sitzungen. Nicht ungewöhnlich sind hier auch Kosten von 100 EUR oder mehr pro Sitzung. Also kommen auf den Versicherten kosten von 26 Sitzungen * 100 EUR in einem Jahr zu, also 2.600 EUR.

Was bekommt er nun erstattet?

Erstattet werden 80% von max. 80 EUR, also 64 EUR pro Sitzung. Und dabei bitte noch beachten, dass es sich um max. 20 Sitzungen pro Kalenderjahr handeln darf. In unserem Fall also 64* 20 EUR = 1.280 EUR oder anders gesagt 49% der angefallenen Kosten. Dabei sind jedoch noch weitere Einschränkungen zu beachten:

Geleistet wird für psychotherapeutische Leistungen, die erbracht werden durch Fachärzte für psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie oder durch psychologische Psychotherapeuten, die ihre Approbation aufgrund einer den ärztlichen Psychotherapeuten vergleichbaren Ausbildung erhalten haben. Leistungen werden nur erstattet, wenn die Erstbehandlung durch einen Primärarzt durchgeführt wurde. (…)

Leistungen gemäß Punkt II. 6. können erstmals 24 Monate nach Versicherungsbeginn in Anspruch genommen werden.

Also achten Sie tunlichst darauf, das Sie diese Psychotherapie, die in der gesetzlichen Krankenkasse im Übrigen eher kein Thema ist, da diese erstattet wird, nicht innerhalb der ersten 2 Jahre brauchen. Dann tragen Sie die Kosten nämlich allein und zwar nicht nur die Hälfte, sondern die anderen 49% auch noch.

Fazit:

Gerade wenn Ihnen solche „Einstiegs-“ Tarife als ideal und toll angepriesen werden, so sollten Sie sich einmal mehr am Markt umschauen. Optionsrechte machen einen Tarif durchaus interessant, denn dann können Sie später in einen anderen Tarif (der gleichen Gesellschaft) wechseln und somit auch mit Vorerkrankungen noch den Schutz verbessern. Dazu ist es aber erforderlich, das so ein besserer Schutz auch vorhanden ist und der, der dann da ist auch zu Ihnen passt.

Selbst wenn Sie sich also mit dem Gedanken tragen, zunächst in den „Einstiegsschutz“ zu gehen, betrachten Sie unbedingt gleich den höherwertigen Schutz als Wechseloption. Nur wenn es dort auch einen passenden Schutz gibt, macht so ein Einstiegstarif bei der jeweiligen Gesellschaft Sinn.

Die beste Option ist rein gar nichts wert, wenn Sie mangels Alternativen in einem Schutz feststecken, der eigentlich zunächst nur als (Einstiegs-) Sprungbrett gedacht war.

Weitere Informationen:

Der schwer verletzte LegoMann und was die PKV damit zu tun hat

Barcode Lesegerät für Blinde (Einkaufsfuchs) für GKV Patienten – und was zahlt die PKV?

Auswahlkriterien und Leitfaden zur Privaten Krankenversicherung

22.
April '11

Frohe Ostern


Heute nur ein ganz kurzer Beitrag und so gar nichts zum fachlichem Thema.

Ich wünsche Ihnen ein paar schöne und ruhige Osterfeiertage im Kreise derer, die sie gern um sich haben möchten.

Genießen Sie die freie Zeit und entspannen Sie an diesem schönen, sonnigen und langen Wochenende.

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20.
April '11

Bis zu welchem Alter soll ich noch in die Private Krankenversicherung wechseln?


Wieder einmal so eine Frage, die pauschal zwar nicht zu beantworten ist, die aber sehr genau zeigt wie wichtig eine sorgfältige Beratung ist und welche Punkte unter anderem zu beachten sind.

Anders als in der gesetzlichen Krankenkasse (GKV) werden die Beiträge in der Privaten Krankenversicherung (PKV) nicht nach dem Einkommen, sondern nach Alter, Gesundheistszustand und Leistungsumfang berechnet. Genaue Vorgaben zur Berechnung und Verteilung der Beiträge lesen Sie am besten im Leitfaden zur Entscheidungsfindung in der PKV nach.

In der letzten Woche erreichte mich eine E-Mail eines sehr verwunderten, gar schon verärgerten PKV Versicherten. Dieser wurde 2002 von einem SparkassenBerater an eine Versicherungsvermittlerin der Union Krankenversicherung (UKV, Partner der Sparkassen) verwiesen. Mit den üblichen Argumenten (leitender Angestellter, wechseln Sie besser in die PKV da ist alles einfacher/ besser) lies sich der Kunde überreden, die gesetzliche Krankenkasse (TKK) zu verlassen und sich zu einem Beitrag von 323 EUR monatlich in der Union Krankenversicherung (Tarife VA130N, VS130N, VZ130N, KT183E7140, PVN) zu versichern.

Mit dem damaligen Alter von 51 Jahren schon eine durchaus mutige Entscheidung, denn schon damals muss eine ausführliche Gesundheitsprüfung stattgefunden haben, weiterhin war der Beitrag zwar deutlich geringer als der Höchstbeitrag der GKV, dennoch sollte klar sein, das bleibt nicht so.

Hier die Eckdaten aus der Mail des Kunden:

Dass ich mich dann 2002 nach den Gesetzesänderungen, die zur Jahrtausendwende in Kraft traten, und eine Wiederholung der negativen Beitragsentwicklung der 90´er Jahre für die Zukunft ausschließen sollten, dann doch von meinem Sparkassenberater überreden lassen habe mich privat zu versichern, muss ich heute leider sehr bereuen.

Allein wegen einer Beitragsentwicklung, macht ein Wechsel aus der gesetzlichen Krankenkasse in einen Privaten Krankenversicherungstarif keinen Sinn. Wenn ein Wechsel stattfinden soll, so sollte dieser nicht nur sehr sorgfältig besprochen und begründet werden, es sollte vielmehr klar sein, das es auch hier Anpassungen der Beiträge über die Jahre geben wird. Daher macht es immer Sinn, die Beitragsersparnis gegenüber dem Höchstbeitrag der GKV in jedem Fall in einer beliebigen Sparform anzulegen, denn nur so ist ein Teil der Beitragsanpassungen kompensiert.

Weiterhin schreibt der- nun unglücklich- UKV Versicherte:

Kurz zu meiner Situation:

– Geburtsdatum 13.08.1951

Seit 1.12.2002 in der UKV; vorher TKK

– Mit 55 Jahren, zum 01.03.2006 für 5 Jahre in Altersteilzeit; diese endet zum 31.08.2011

– Krankentagegeld abgewählt

– Ab 01.09.2011 geplant: vorgezogene Rente mit 60 (mit 18% Abschlägen) beantragen

– Keine Krankheiten;

– die UKV in den 9 Jahren nur für Zahnbehandlung in Anspruch genommen.

Im Jahr 2002 betrug der Höchstbeitrag in der Gesetzlichen Krankenkasse 472,50 EUR. Der Beitrag in dem hier gewählten Krankenversicherungstarif der UKV lag bei 323 EUR. Dazu muss natürlich erwähnt werden, das es sich hierbei jeweils um den Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil handelt. Die Frage, die sich der Berater aber gefallen lassen muss:

– Warum wurde damals keine Beitragsentlastungskonponente im Vertrag vereinbart? Immerhin waren zumindest die Arbeitnehmeranteile von knapp 75 EUR durchaus vorhanden.

– Warum wurde die Differenz aus dem Wechsel nicht investiert?

Weiterhin erstaunt mich eine Aussage des Kunden, welche es so an die damalige Beraterin gegeben haben soll. Er sagt, er hätte klar und deutlich formuliert, dass er keine höheren Beiträge im Alter zahlen möchte, als vergleichbar GKV Versicherte.

Allein hier hätte die Beratung zur PKV beendet sein müssen und der Kunde in der gesetzlichen Krankenkasse bleiben. Denn eine solche Forderung bzw. ein solcher Wunsch ist schlichtweg nicht erfüllbar. Warum?

Dieses ist ganz einfach. Die gesetzliche Rente, die Der- oder Diejenige im Alter bekommt, ist nicht vorher planbar. Klar gibt es Hochrechnungen und Modelle, diese hängen aber an so vielen unterschiedlichen Faktoren, dass es keine klaren Aussagen Jahrzehnte vor dem Rentenbezug geben kann.

Hier haben wir noch einen besonderen Fall. Der Kunde nutzt die Möglichkeit der Altersteilzeit. Danach geht er mit einem, doch recht großen Abschlag von 18% vorzeitig in Rente. Die Rente wird somit nochmals 18% niedriger ausfallen, als die sonst schon niedrige gesetzliche Rente.

Der Zuschuss zur Privaten Krankenversicherung berechnet sich nach dem gleichen Schema, wie für einen gesetzlich Versicherten. (derzeit also max. 50% des PKV Beitrages und max. 7,3% der Rente) Dabei wird der Rentenbetrag mit dem (GKV-) Beitragssatz multipliziert und dem Rentner dann zur Hälfte als Zuschuss gezahlt. Somit wird die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) nicht stärker belastet, als wäre der Rentner GKV versichert. Das führt aber nun dazu, dass dieser Rentner eben einen höheren Teil selbst aus eigener Tasche zahlen muss.

Was kann der Kunde nun tun?

Der Basistarif in der PKV ist keine wirkliche Lösung. Leistungsseitig wird sich der Kunde gegenüber seinem derzeitigen Tarif verschlechtern und somit mehr aus eigener Tasche bezahlen müssen. Auch auf der Beitragsseite ist eine Reduzierung nicht in nennenswerter Höhe zu erwarten. Trotz der Anrechnung von Alterungsrückstellungen ist der Beitrag im Basistarif immer an dem Höchstbeitrag der GKV orientiert und bringt hier somit keine Lösung.

Allenfalls ein Tarifwechsel nach §204 VVG innerhalb der eigenen Gesellschaft könnte noch eine Beitragsreduzierung bringen. Je nachdem wie hoch die Rente ist, wäre dann ggf. eine (derzeitige) Bezuschussung von annähernd 50% wieder möglich. Das ist aber, wie weiter oben im Beitrag geschildert, erst genau zu prüfen. Dabei sind die Leistungsunterschiede, insbesondere neue Einschränkungen und Ausschlüsse sehr genau zu überlegen und die finanziellen Auswirkungen zu überdenken.

Auch ist es manchmal nicht einfach, so ein Tarifwechselangebot auch tatsächlich zu bekommen. Einige Gesellschaften verzögern dieses oft oder versuchen durch Hinhaltetaktik den Kunden zum aufgeben zu bewegen.

Eine solcher Tarifwechsel sollte somit mit einem spezialisierten Berater/ Makler, ggf. gegen Honorar durchgeführt werden.

Weitere Informationen:

Auswahlkriterien zur PKV (um zu überlegen auf was verzichtet werden kann)

Leitfaden zur PKV